Profiling-Blog
In diesem Blog setzt sich Jan Bohlken, der Gründer des Profiling Instituts, regelmäßig mit den verschiedensten Themen des Bildungsbereiches auseinander. Angefangen bei Studienberatung, über Studienwahl, Bildungs- und Berufsberatung, Bachelor & Master & Co., Vorteile/Nachteile privater/staatlicher Hochschulen, die Entwicklungen auf dem deutschen Hochschulsektor usw. Er kritisiert, lobt, bezieht Stellung und sinniert... Viel Spaß bei der Lektüre!
Abinoten, Gesamtdurchschnitt, Wartesemester… viele Studierende können ein Lied davon singen. Wer im Abitur nicht besonders gut war, muss heute zum Teil jahrelang auf den gewünschten Studienplatz warten. Die ZVS sorgt dafür, dass Studierende wegen geringen Unterschieden in den Endzeugnissen durch ganz Deutschland verschickt werden und so manchem bleibt zunächst zum Beispiel das BWL-Studium an der Wunschuni verwehrt, weil die Französisch- oder Chemienote den Abischnitt nach unten drückt.
Zeitgleich mit all diesen Ereignissen ist jedoch eine zweite, gegenläufige Tendenz erkennbar: die Politik hat sich nämlich zum Ziel gesetzt aus Gründen des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels immer mehr Studiengänge auch für Menschen ohne Abitur zu öffnen.
So wird darüber nachgedacht, beispielsweise die Abschlussnoten einer Berufsausbildung mit den Abiturnoten gleichzusetzen und den Bewerbern um einen Studienplatz dann gleiche Chancen einzuräumen. Zukünftig sollen fertig ausgebildete Personen nach einer dreijährigen Berufserfahrung in einem Fach, welches ihrer Ausbildung nahe steht, studieren dürfen. Somit soll beispielsweise dem medizinisch-technischen Assistenten ohne Abitur der Weg zum Medizinstudium geöffnet werden.
Ebenso kann ein Fachwirt (IHK) in BWL als Zugangsberechtigung dienen – genauso wie ein Techniker-Abschluss der Türöffner zum Studium sein kann. Auch staatlich geprüfte Erzieher sollen auf diesem Wege beispielweise die Chance erhalten, ein pädagogisches Fach zu studieren. Personen mit Meisterbrief soll sogar die gesamte Bandbreite der Studiengänge offen stehen. Im März 2009 haben sich die Bildungsminister der Länder auf diese Rahmenbedingungen geeinigt und nun steht deren Umsetzung nach und nach an.
Strittig ist momentan noch, ob das Fach, welches studiert werden kann, mit der Berufsausbildung verwandt sein soll und er gibt unterschiedliche Meinungen bezüglich der nachzuweisenden Berufserfahrung. Rheinland-Pfalz möchte diese Zeit von drei auf zwei Jahre verkürzen und Baden-Württemberg möchte diese Hürde ganz streichen und Absolventen eines Ausbildungsberufes sofort die Möglichkeit zum Studium einräumen.
Die Hochschulen gehen mit diesen Neuerungen sehr unterschiedlich um. Während an der MHH in Hannover bereits medizinischen Fachkräften der Weg zum Medizinstudium durch eine Sonderprüfung offen steht, beruft sich die Uni Frankfurt am Main auf ihr Freiheitsrecht in dem Sinne, dass sie auch zukünftig nur Studierende mit Abitur an ihrer Hochschule sehen möchte. Eine mögliche Entwertung des Abiturs und des Studiums wird von dieser Seite häufig als Argument ins Feld geführt.
Dass Deutschland es sich in Zukunft keinesfalls leisten kann, das Potential seiner Einwohner brach liegen zu lassen, liegt auf der Hand. Zwar ist es wichtig, dass Studierende auch über den Tellerrand des eigenen Faches hinaus gucken – so ist es sicher hilfreich, wenn ein angehender Unternehmer auch Seminare in Philosophie – oder ein angehender Arzt auch Kurse in Ethik besucht hat. Dennoch darf bezweifelt werden, ob genau die Kenntnisse, die im Abitur vermittelt werden, nötig sind, um beispielsweise aus einem Informatikstudenten einen guten Informatiker zu machen.
In anderen europäischen Ländern mischen sich schon längst viele Studierende ohne Abitur unter die Studentenschaft. So ist zum Beispiel in Spanien jeder vierte und in Schweden etwa jeder dritte Student ohne Abi erfolgreich im Studium unterwegs. Die Noten unterschieden sich im Studium übrigens kaum – denn gerade Berufspraktiker identifizieren sich oftmals stärker mit dem Studienfach als frisch gebackene Abiturienten.
Da im Einzelfall immer das Bundesland sowie die Hochschule die Zugangsbedingungen regeln, ist es stets hilfreich, bei individuellen Fragen im Landesbildungsministerium sowie bei der gewünschten Hochschule nachzufragen.
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