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Profiling-Blog

In diesem Blog setzt sich Jan Bohlken, der Gründer des Profiling Instituts, regelmäßig mit den verschiedensten Themen des Bildungsbereiches auseinander. Angefangen bei Studienberatung, über Studienwahl, Bildungs- und Berufsberatung, Bachelor & Master & Co., Vorteile/Nachteile privater/staatlicher Hochschulen, die Entwicklungen auf dem deutschen Hochschulsektor usw. Er kritisiert, lobt, bezieht Stellung und sinniert... Viel Spaß bei der Lektüre!

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Länger gemeinsam lernen – sinnvoll?

Mit der Trennung der Kinder nach vier Jahren Grundschule gilt Deutschland als Exot. Weder in Europa noch in den USA ist es üblich, die Kinder nach vier Jahren auf die weiterführenden Schulen – Hauptschule, Realschule oder Gymnasium – aufzuteilen.
Die Gesamtschulen nehmen hierbei eine Sonderrolle ein.

Einerseits zeigt sich, dass längeres gemeinsames Lernen sinnvoll sein kann. So wird im Pisa-Sieger-Land Finnland keinesfalls nach der vierten Klasse aussortiert. Andererseits verweisen die Pisa-Sieger innerhalb Deutschlands (z.B. Bayern)  immer wieder darauf, dass gerade in diesen Regionen eher früh aussortiert wird und die Gesamtschule kaum eine Rolle spielt. Was also tun?

Immer mehr Bundesländer weiten nun das gemeinsame Lernen aus. Dies ist z.B. in Hamburg und im Saarland aktuell der Fall. Dennoch greift es viel zu kurz, wenn man glaubt, dass alleine durch eine Verlängerung des gemeinsamen Lernens große Erfolge erzielt werden können.

In Deutschland ist der Frontalunterricht in Großklassen vorherrschend. Hierbei kann es durchaus sinnvoll sein, die Schüler früh zu trennen, um je nach Wissensstand und Begabung den Unterricht schneller oder langsamer zu gestalten. Die Schüler sind Einzelkämpfer und sie sind für ihre eigenen Erfolge verantwortlich. Der Nachteil dieser Lernform ist, dass schon früh Druck entsteht, etwa wenn in der zweiten Klasse Nachhilfe gegeben wird, nur um den Weg auf das Gymnasium zu schaffen.

Vergleicht man die Gymnasien mit den Gesamtschulen fällt auf, dass auf den Gesamtschulen das Leistungsniveau oftmals geringer ausfällt – ein Beleg, der oft von den Verfechtern der frühen Trennung aufgeführt wird. Dieser Leistungsunterschied ist allerdings nicht verwunderlich: solange es die Wahl zwischen Gesamtschule und Gymnasium gibt, schicken die Eltern, denen es besonders auf Leistung ankommt, ihre Kinder aufs Gymnasium. Der Gesamtschule fehlen somit häufig die besonders leistungsfähigen Schüler. Macht es jedoch umgekehrt Sinn, die Gesamtschule als einzige Schulform zuzulassen und somit die Eltern und Schüler zu bevormunden?

Wenn man sich schon an den Pisa-Siegern orientieren will, ist es nötig, genauer hin zu sehen. Das gemeinsame Lernen ist nämlich nur eine Komponente, die den Erfolg der Finnen erklärt.

Zunächst muss man feststellen, dass Finnland weitaus mehr Geld für den Bildungsbereich ausgibt (während Deutschland etwa fünf Prozent des BIP in Bildung investiert, sind es in Finnland etwa sieben Prozent). Zudem legen die Finnen enorm viel Wert auf eine sehr gute Bildungsgrundlage. So sind in den Grundschulen Klassen von zehn bis fünfzehn Schülern die Regel. Damit wird garantiert, dass jedes Kind vom ersten Lerntag an gut betreut und individuelle gefördert werden kann. Die Grundschule beginnt erst mit dem siebten Lebensjahr und endet nach neun Jahren gemeinsamer Lernzeit. Die Lehrpläne sind zwar vorgegeben, jedoch kann jeder Lehrer selbst entscheiden, mit welchen Methoden er unterrichtet. Noten sind erst ab der fünften Klasse vorgesehen und ab der siebten Klasse verpflichtend. Diese Freiheit ermöglicht es, viel schneller auf neue Lerntechniken zurück zu greifen und den Unterricht flexibel und interessant zu gestalten.

Untersuchungen zeigen, dass Schüler dann am besonders gut lernen, wenn der Lehrer nicht als Wissensvermittler, sondern als Lerncoach dient. Wenn er den Schülern Lerninhalte zur Wahl stellt und ihnen zeigt, wie sie mehr über ein neues Thema erfahren können (z.B. Recherchieren im Internet, Lesen von Zeitungsberichten oder Literatur aus der Bücherei). Bei dieser Lernform kann sich jeder Schüler frei entfalten: die einen erstellen Kollagen, die anderen zeichnen Tabellen und wieder andere schreiben kleine Aufsätze zu einem Thema. Gruppenarbeit und selbständiges Lernen stehen im klaren Gegensatz zum Frontalunterricht und stumpfen Auswendiglernen in Deutschland. Hat ein Schüler in Finnland Probleme, kann er auf ein breites Angebot an Sonderunterricht zurück greifen.

In Deutschland soll sich die Notengebung daran orientieren, inwiefern das Wissen des Lehrplans am Ende des Unterrichts abgerufen werden kann. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass die Noten viel mehr davon abhängen, wie die anderen Schüler einer Klassen sind. Damit sind die Noten nicht mehr objektiv. In einer Gesamtschulklasse kann somit ein guter Schüler mit derselben Leistung unter Umständen viel bessere Noten erzielen als in einer Gymnasialklasse. Viel zu kurz kommt zudem in Deutschland die individuelle Bezugsnorm als Notengrundlage, d.h. die Bewertung des individuellen Lernfortschritts, den der Schüler am Ende des Unterrichts im Vergleich zu seinem eigenen Wissen vor dem Unterricht erzielen konnte. Noten wie wir sie kennen, können diesen Fortschritt nur schwer abbilden. Schriftliche Bewertungen bringen hierbei ein differenzierteres Ergebnis.

Auch so genannte Lerntagebücher kommen in Finnland verstärkt zum Einsatz: hierbei notiert jeder Schüler regelmäßig was er gelernt hat und wo er noch Lücken sieht – um dann gemeinsam mit dem Lehrer Lernziele zu vereinbaren, um Lücken zu schließen. So kann jeder Schüler viel genauer sehen was er schon alles erreicht hat und wo noch Verbesserungsbedarf besteht.

Fasst man all dies zusammen wird deutlich, dass die alleinige Frage, ob länger gemeinsam gelernt werden soll oder nicht, mal wieder eine Diskussion ist, die am Kern der Sache vorbei geht. Zwar können gerade so genannte „Soft Skills“ besonders gut trainiert werden, wenn lange Zeit gemeinsam unterrichtet wird. Für den Lernerfolg spielen jedoch andere Rahmenbedingungen (z.B. Unterrichtsform) eine viel größere Rolle. Einfach die Ausweitung der gemeinsamen Lernzeit als Erfolg zu feiern, greift zu kurz. Ein Erfolg wäre es hingegen, die Lehr- und Lernform am Pisa-Sieger auszurichten und somit die Schüler viel stärker zu motivieren und zu fördern.

Zwar ist das „Turbo-Abi“ in den meisten Bundesländern inzwischen angekommen und es zeigen sich auch Verbesserungen – beispielsweise durch Kürzungen in den Lehrplänen. Dennoch sind sich viele Eltern unsicher, wenn es darum geht, den Nachwuchs in acht oder neun Jahren das Abitur machen zu lassen.

Wie so oft im Bildungsbereich gibt es auch hierbei in den 16 Bundesländern keine einheitlichen Regelungen. Nicht selten bieten Gesamtschulen weiterhin das Abitur nach neun Jahren an und in Baden-Württemberg können etwa Fach- und Berufsgymnasien weiterhin neun Jahre auf dem Weg zum Abitur veranschlagen. In NRW wird darüber diskutiert, die einzelnen Schulen entscheiden zu lassen, ob sie das achtjährige oder das neunjährige Abitur anbieten möchten.

Noch vor zwei Jahren waren sehr viele Eltern und Schüler mit dem G8 unzufrieden. Inklusive Hausaufgaben und Klausurvorbereitungen mussten teilweise 50 Stunden pro Woche veranschlagt werden, da die Wochenstundenzahl von etwa 30 auf 33-36 angestiegen ist. Durch die Entrümpelung der Lehrpläne konnte dieses Problem teilweise entschärft werden.

Vergleicht man das deutsche Bildungssystem mit den Schulzeiten inner- und außereuropäischer Länder, sind neun Jahre bis zum Abitur in der Tat ungewöhnlich. Daher sollte es nun weniger darum gehen, durch Wahlmöglichkeiten wieder zum alten G9 zu gelangen, sondern der Unterrichtsstoff sollte so gestaltet sein, dass er zum selbständigen Denken anregt und nicht zu sehr aufs Auswendiglernen setzt. Das bedeutet, dass auch noch Zeit für Sportvereine, Gesangsgruppen und viele andere Freizeitgestaltungsmöglichkeiten und soziale Aktivitäten bleibt. Denn diese – und nicht das reine Lernen – bilden sehr stark die eigene Persönlichkeit, die später im Studium – und vor allem im Berufsleben von größter Bedeutung ist. Auch in der Schulzeit schon die Möglichkeit zu haben, sich selbst zu entdecken – um eine eigene Identität aufzubauen, sollte mit auf jedem Stundenplan stehen. Dies kann jedoch nur erreicht werden, wenn den Schülern genug Zeit bleibt, um sich eigenständig mit selbst gewählten Themen zu befassen. Die Pisa-Sieger machen es uns vor. Sie lassen den Schülern viele Freiräume, mit dem Ergebnis, dass neben guten Leistungen auch die Freude am Lernen in diesen Ländern überzeugt – und dies ganz ohne ständige Bewertung durch Noten.

Nicht zuletzt ist die Option, ein Auslandsjahr als Austauschschüler einzulegen - eine Erfahrung, die genutzt werden sollte. Auch dies muss der Lehrplan berücksichtigen, statt mit zu viel Inhalten und Zeitdruck Angst zu schüren. Letztlich entscheidet nicht die Menge an Inhalten über die Qualität des Unterrichts – genauso wenig wie die Anzahl der Wochenstunden, die bis zum Abitur belegt wurden.

Alleine schon der unterschiedliche Wissensstand etwa zwischen einem Abiturienten aus Bayern und einem aus Berlin zeigt, dass die annähernd gleiche Stundenzahl nicht unbedingt annähernd gleiche Ergebnisse produzieren muss.

Eltern sollten daher bei der Wahl einer Schule nicht in erster Linie darauf achten, ob diese G8 oder G9 anbietet – sondern sie sollten ein Auge darauf werden, inwiefern die Schule ihren Schülern die Möglichkeit zum selbständigen Lernen eröffnet und inwiefern alternative Lernkonzepte zum klassischen Frontalunterricht und dem Auswendiglernen für Klassenarbeiten eingesetzt werden. Nichts ist wertvoller als eine Schule, die neben dem natürlich wichtigen Schulstoff ihren Schülern die Möglichkeit bietet, sich selbst näher kennen zu lernen. Dies kommt den Schülern spätestens – aber längst nicht nur - bei der Studien- und Berufswahl zugute.





Erstellt von: Jan Bohlken am 02.03.2010 00:00 Kommentar hinzufügen
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