Figurenkeramformer/in: Ausbildung und Karriere
Eine Porzellanfigur entsteht nicht am Stück – sie wird aus vielen einzeln gegossenen Teilen zusammengesetzt. Figurenkeramformerinnen und -former bauen die Formen dafür und garnieren die Teile: einer der seltensten Ausbildungsberufe überhaupt.
Kurzüberblick: Figurenkeramformer/in
Figurenkeramformerinnen und -former bauen Formen für keramische Figuren und fertigen sie: Sie zerlegen ein Modell gedanklich in Formteile, bauen Gipsformen, gießen mit Schlicker, entformen, setzen die Einzelteile zusammen, verputzen die Nähte und bereiten die Stücke für den Brand vor.
Aufgaben & Arbeitsalltag
Gearbeitet wird in der Gießerei und im Formenbau – mit Gips, Schlicker und feinem Werkzeug. Die Arbeit ist feucht, staubig und hochkonzentriert: Eine Figur besteht oft aus einem Dutzend Teilen, die exakt zusammenpassen müssen.
Modell analysieren
Figur in Formteile zerlegen und Teilungen festlegen.
Formen bauen
Gipsformen und Mutterformen herstellen, Passungen und Entlüftung anlegen.
Gießen
Schlicker einfüllen, Scherbenstärke überwachen und überschüssige Masse abgießen.
Entformen
Teile im richtigen Trocknungszustand vorsichtig aus der Form nehmen.
Garnieren
Einzelteile mit Schlicker zusammensetzen und ausrichten.
Verputzen
Nähte und Grate entfernen, Oberfläche glätten und für den Brand vorbereiten.
Warum eine Figur aus vielen Formteilen besteht
Eine Form muss sich öffnen lassen, ohne das Stück zu beschädigen. Bei Figuren mit Armen, Falten und Hinterschneidungen geht das nur, wenn sie in viele Teilformen zerlegt wird. Diese Teilung richtig zu planen, ist die Kernkompetenz des Berufs.
Schlickerguss braucht Gefühl
Beim Gießen zieht der Gips Wasser aus dem Schlicker, sodass sich an der Formwand eine Schicht aufbaut. Wann die richtige Scherbenstärke erreicht ist, entscheidet Erfahrung – und bestimmt die Wandstärke der Figur.
Garnieren ist die Kunst
Die Einzelteile werden im lederharten Zustand mit Schlicker verbunden. Sie müssen exakt sitzen und dieselbe Feuchte haben – sonst reißen die Nähte beim Trocknen oder Brennen auf.
Formen verschleißen
Eine Gipsform kann nur eine begrenzte Zahl von Güssen liefern, danach werden die Konturen unscharf. Deshalb werden aus Mutterformen laufend neue Arbeitsformen abgenommen.
Ausbildungsinhalte: Was in den drei Jahren vermittelt wird
Werkstoffkunde
Tone, Porzellanmassen, Gips, Schlicker und Brennverhalten.
Modellanalyse
Hinterschneidungen erkennen, Teilungen und Aushebung planen.
Formenbau
Arbeits- und Mutterformen, Passmarken, Entlüftung und Trennmittel.
Gießtechnik
Schlickerführung, Scherbenstärke, Standzeit und Abgießen.
Trocknung
Lederharter Zustand, Schwindung, Rissvermeidung und Lagerung.
Garnieren
Anbringen von Teilen, Ausrichtung, Schlickerverbindung und Stabilität.
Verputzen
Nahtbearbeitung, Oberflächenglättung und Detailausarbeitung.
Brand und Sicherheit
Brennvorgänge, Schwindung, Gipsstaub und Arbeitsschutz.
Passt der Beruf zu mir?
Der Beruf verlangt räumliches Denken, Feingefühl und große Geduld. Ob Ihr Interessen- und Fähigkeitsprofil tatsächlich zu diesen Anforderungen passt, lässt sich in einer Berufsberatung objektiv klären – mit validierten Testverfahren statt mit Bauchgefühl.
Formale Voraussetzungen
- Meist mittlerer Schulabschluss erwartet
- Ausgeprägtes räumliches Vorstellungsvermögen
- Feinmotorik und ruhige Hand
- Arbeitsmappe häufig gefordert
- Geduld und Ausdauer
- Keine Allergien gegen Gipsstaub
Persönliche Eigenschaften
- Räumliches Denken bei der Formteilung
- Feingefühl beim Entformen und Garnieren
- Geduld bei vielteiligen Figuren
- Auge für Form und Proportion
- Sorgfalt bei Nähten und Oberflächen
- Bereitschaft zu feuchter Arbeit
RIASEC-Profil: RAC – Realistic · Artistic · Conventional
Der Beruf verbindet handwerkliche Form- und Gießarbeit (R) mit gestaltendem Gespür für Figur und Oberfläche (A) sowie maß- und verfahrensgebundener Ausführung (C).
Im Modellbau tritt das A deutlicher hervor. Ihren persönlichen Code ermitteln Sie kostenlos im Berufswahltest.
Formen für Keramik bauen?
Sehr selten, sehr fein. Der Berufswahltest hilft bei der Einordnung.
Gehalt: Vergütung in der Ausbildung & Einstiegsgehalt
Die Vergütung wird betrieblich oder nach Branchentarif gezahlt.
Vergütung und Rahmenbedingungen
Fragen Sie, ob Sie auch im Modellbau und an Mutterformen arbeiten. Wer Formen selbst entwickelt statt nur abzugießen, beherrscht den anspruchsvollsten Teil – und wird später auch außerhalb der Keramik gebraucht.
Einstiegsgehalt nach der Ausbildung
Nach der Ausbildung ist das Feld winzig, die Konkurrenz aber praktisch nicht vorhanden. Wege führen in den Modellbau, in die Musterfertigung und in die Restaurierung.
Ausbildungsablauf: Vom Modell zur fertigen Figur
Die dreijährige Ausbildung führt von Werkstoff- und Formenkunde über die Gießtechnik bis zum eigenständigen Garnieren.
Grundlagen
Werkstoffkunde, Gipsverarbeitung, einfache Formen und Sicherheit.
Formenbau und Guss
Teilungen, Mutterformen, Schlickerguss und Trocknung.
Etwa nach der Hälfte
Praktische und schriftliche Aufgaben über die bisherigen Inhalte.
Garnieren und Verputzen
Vielteilige Figuren, Nahtbearbeitung, Brandvorbereitung.
Abschlussprüfung
Praktische Aufgaben sowie schriftliche Teile.
Karrierewege: Modellbau, Muster, Restaurierung
Wer Formen selbst entwickelt, beherrscht den wertvollsten Teil dieses Berufs. Welcher dieser Wege zu Ihnen passt, hängt von Interessen, Belastbarkeit und Lebensplanung ab – und genau das ist Gegenstand einer Berufsberatung.
Modell- und Formenbau
Der anspruchsvollste Weg.
- Neue Modelle umsetzen
- Teilungen entwickeln
- Mutterformen anfertigen
- Zusammenarbeit mit Gestaltung
Musterfertigung
Der gestalterische Weg.
- Prototypen und Erstmuster
- Serienvorbereitung
- Optimierung schwieriger Formen
- Qualitätsbeurteilung
Restaurierung
Gefragte Nische.
- Historische Figuren ergänzen
- Formen nach Vorlage rekonstruieren
- Zusammenarbeit mit Museen
- Sammlerbetreuung
Fortbildung
Mit Erfahrung möglich.
- Keramiker/in als zweite Ausbildung
- Techniker/in Keramiktechnik
- Gestaltung und Design
- Betriebliche Weiterbildung
Pro & Contra: Stärken und Herausforderungen des Berufs
Ein winziger, feinhandwerklicher Beruf – mit hoher Erfüllung und sehr wenigen Plätzen.
Was für den Beruf spricht
- Feinhandwerkliche, gestalterische Arbeit
- Formenbaukompetenz ist übertragbar
- Praktisch keine Bewerberkonkurrenz
- Sichtbares, hochwertiges Produkt
- Restaurierung als reizvolle Nische
- Verbindung von Technik und Gestaltung
Was Sie wissen sollten
- Extrem wenige Ausbildungsplätze
- Umzug für die Ausbildung fast sicher
- Feuchte, staubige Arbeitsumgebung
- Belastung für Hände und Rücken
- Vergütung eher im mittleren Bereich
- Sehr kleines Berufsfeld
Figurenkeramformer vs. Keramiker vs. Technischer Modellbauer
Drei Berufe rund um Form und Modell im Vergleich.
Einschätzung unserer Berater

Jan Bohlken
Gründer & Geschäftsführer Profiling Institut · Dipl.-Sozioökonom
„Dieser Beruf ist einer der seltensten überhaupt – das bedeutet praktisch keine Konkurrenz, aber auch sehr wenige Plätze und meist einen Umzug. Wirtschaftlich hilfreich ist, dass die Formenbaukompetenz übertragbar ist: Wer Teilungen plant und Mutterformen baut, wird auch im Modell- und Formenbau anderer Branchen gebraucht.“

Raphaela Peitsch
Diplom-Psychologin · DGSF-zertifiziert
„Was diesen Beruf so anspruchsvoll macht, ist das räumliche Denken. Eine Form muss sich öffnen lassen, ohne die Figur zu beschädigen – bei Armen, Falten und Hinterschneidungen geht das nur, wenn man sie in viele Teilformen zerlegt. Diese Teilung vorher im Kopf durchzuspielen, ist die eigentliche Kunst.“
Figurenkeramformer/in – FAQ
Er baut Formen für keramische Figuren und fertigt sie: das Modell gedanklich in Formteile zerlegen und Teilungen festlegen, Gipsformen und Mutterformen herstellen, mit Schlicker gießen und die Scherbenstärke überwachen, die Teile entformen, sie im lederharten Zustand garnieren und die Nähte verputzen.
Häufig ja. Gestaltende Berufe verlangen meist eine Arbeitsmappe mit eigenen Entwürfen, Zeichnungen oder Materialproben. Sie zeigt Formgefühl, Farbverständnis und Ausdauer – und wiegt im Bewerbungsverfahren meist schwerer als das Zeugnis. Fragen Sie beim Betrieb nach, was genau erwartet wird, und beginnen Sie früh mit dem Sammeln.
Für Ausbildungsverhältnisse, die 2026 beginnen, beträgt die Mindestausbildungsvergütung nach § 17 BBiG 724 € im ersten, 854 € im zweiten und 977 € im dritten Ausbildungsjahr. Im Handwerk gelten häufig Innungstarife, die darüber liegen; die Unterschiede zwischen Gewerken und Regionen sind allerdings erheblich.
Das Gießverfahren für Hohlkeramik. Flüssige Tonmasse – der Schlicker – wird in eine Gipsform gefüllt. Der Gips entzieht ihr Wasser, sodass sich an der Formwand eine feste Schicht aufbaut. Nach der richtigen Standzeit wird der überschüssige Schlicker abgegossen; zurück bleibt ein Hohlkörper mit gleichmäßiger Wandstärke.
Das Zusammensetzen der einzelnen Gussteile zu einer Figur. Arme, Beine, Kopf und Attribute werden im lederharten Zustand mit Schlicker verbunden. Entscheidend ist, dass alle Teile dieselbe Feuchte haben und exakt sitzen – sonst reißen die Verbindungen beim Trocknen oder im Brand auf. Eine anspruchsvolle Figur kann ein Dutzend Teile umfassen.
Ein Zwischenzustand der Trocknung. Der Scherben ist nicht mehr weich und verformbar, aber auch noch nicht durchgetrocknet – er lässt sich schneiden, verputzen und mit Schlicker verbinden, ohne zu brechen. Nur in diesem Zeitfenster kann garniert werden, weshalb der Trocknungsverlauf genau beobachtet wird.
Meist einen mittleren Schulabschluss. Entscheidend ist ein ausgeprägtes räumliches Vorstellungsvermögen – Sie müssen Teilungen und Hohlräume dreidimensional durchdenken. Hinzu kommen Feinmotorik und Geduld. Viele Betriebe erwarten zusätzlich eine Arbeitsmappe mit plastischen oder zeichnerischen Arbeiten.
Weil sie bei jedem Guss Wasser aufnehmen und abgeben – das nutzt die Oberfläche ab. Nach einer begrenzten Zahl von Güssen werden die Konturen unscharf und feine Details verschwinden. Deshalb bewahrt man Mutterformen auf, von denen laufend neue Arbeitsformen abgenommen werden.
Klein, aber beständig. Das Feld ist deutlich geschrumpft, und die Zahl der Betriebe ist gering – dafür erlernen kaum noch Menschen diese Techniken, sodass gute Fachkräfte knapp und gefragt sind. Tragfähig sind vor allem Restaurierung, Sonderanfertigung und Reparatur, wo maschinelle Fertigung nicht weiterhilft. Viele arbeiten später selbstständig oder mit mehreren Standbeinen.
Vor der Bewerbung Klarheit gewinnen
Ein winziger, feinhandwerklicher Beruf. Ob das Profil passt, klären wir mit wissenschaftlich validierter Diagnostik nach DIN 33430. An sieben Standorten oder online.
Weiterführende Themen
Quellen & Methodik
- Ausbildungsverordnung Figurenkeramformer/in nach dem Berufsbildungsgesetz; dreijährige duale Ausbildung.
- Schlickerguss: Aufbau der Scherbenstärke durch Wasserentzug der Gipsform mit anschließendem Abgießen des überschüssigen Schlickers.
- Formteilung: Zerlegung des Modells in Teilformen zur beschädigungsfreien Entformung bei Hinterschneidungen.
- Garnieren: Verbindung der Einzelteile im lederharten Zustand mit Schlicker unter Beachtung gleicher Materialfeuchte.
- § 17 BBiG zur Mindestausbildungsvergütung 2026 (724 / 854 / 977 €).
- RIASEC-Modell nach John L. Holland (1997): „Making Vocational Choices“, 3. Auflage, PAR.