Neurose
Neurose ist ein historischer Sammelbegriff für psychische Störungen ohne organische Ursache, bei denen der Realitätsbezug erhalten bleibt. In der heutigen Diagnostik wird er nicht mehr verwendet.
Herkunft und Bedeutungswandel
Der Begriff stammt aus dem 18. Jahrhundert und wurde in der Psychoanalyse zur zentralen Kategorie: Neurosen galten dort als Folge unbewusster, ungelöster innerer Konflikte. Die Abgrenzung verlief zur Psychose, bei der der Bezug zur Realität verloren geht – wer eine Neurose hatte, litt, blieb aber im Kontakt mit der Wirklichkeit.
Mit der Umstellung auf beschreibende, theoriefreie Klassifikationssysteme verlor der Begriff seine Grundlage. Er setzt eine bestimmte Ursachenannahme voraus, und genau das sollten die neuen Systeme nicht mehr tun. Das DSM strich ihn ab 1980, die ICD-10 führt ihn nur noch im Kapiteltitel „Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen“ (F40–F48), und die ICD-11 hat auch diesen Rest aufgegeben.
Was heute an seiner Stelle steht
Die Beschwerden, die früher unter „Neurose“ zusammengefasst wurden, sind heute eigenständige Diagnosen: Angststörungen einschließlich Panikstörung und Phobien, Zwangsstörungen, Belastungs- und Anpassungsstörungen sowie somatoforme Störungen. Der Gewinn ist praktisch und nicht bloß terminologisch – jede dieser Diagnosen hat eigene Kriterien und eigene, in ihrer Wirksamkeit geprüfte Behandlungen. Der Sammelbegriff hatte weder das eine noch das andere.
Umgangssprachlich hält sich das Wort als abwertendes Etikett für Eigenheiten oder Ängstlichkeit. Davon klar zu trennen ist der ähnlich klingende Neurotizismus: eine der fünf Dimensionen der Big Five und damit ein normalpsychologisches Persönlichkeitsmerkmal, das jeder Mensch in irgendeiner Ausprägung besitzt – keine Störung, keine Diagnose und kein Grund zur Sorge. Wer dagegen unter anhaltender Angst, Anspannung oder Zwängen leidet, findet in hausärztlichen und psychotherapeutischen Praxen sowie über die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen die ersten Anlaufstellen.
Häufige Fragen
Was ist eine Neurose?
Ein historischer Sammelbegriff für psychische Störungen ohne organische Ursache, bei denen der Realitätsbezug erhalten bleibt – in Abgrenzung zur Psychose. In der heutigen Diagnostik wird er nicht mehr verwendet; das DSM strich ihn 1980, die ICD-11 hat auch den letzten Rest aufgegeben.
Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Neurotizismus?
Neurose ist ein überholter Diagnosebegriff. Neurotizismus ist dagegen eine der fünf Persönlichkeitsdimensionen der Big Five und beschreibt, wie stark jemand zu emotionaler Reaktivität neigt – ein normales Persönlichkeitsmerkmal, das jeder Mensch in unterschiedlicher Ausprägung besitzt, und keine Störung.
Was bedeutet das für Ihre Situation?
Begriffe erklären den Rahmen – die Entscheidung treffen Sie im eigenen Kontext. Unsere Beraterinnen und Berater ordnen ein, was für Ihren Weg wirklich zählt: in der Schul-, Studien- und Berufsberatung ebenso wie in der beruflichen Neuorientierung.