Metall- und Glockengießer/in: Ausbildung und Karriere
Eine Glocke klingt nur richtig, wenn ihre Wandstärke auf den Millimeter stimmt – korrigieren lässt sich das nach dem Guss kaum. Metall- und Glockengießerinnen und -gießer beherrschen dieses Handwerk: einer der ältesten und seltensten Berufe Deutschlands.
Kurzüberblick: Metall- und Glockengießer/in
Metall- und Glockengießerinnen und -gießer fertigen Gussstücke im Handwerk: Sie erstellen Modelle und Formen, bereiten Formstoffe auf, schmelzen Legierungen, gießen ab, entformen und putzen, bearbeiten die Oberfläche und stimmen bei Glocken den Klang ab.
Aufgaben & Arbeitsalltag
Gearbeitet wird zwischen Formerei, Schmelzofen und Putzerei – heiß, staubig und körperlich fordernd. Der Beruf verbindet uraltes Handwerk mit Präzision: Ein Guss lässt sich nicht wiederholen, wenn die Form zerstört ist.
Modelle erstellen
Formen und Schablonen anfertigen, Maße und Schwindmaß berücksichtigen.
Formen bauen
Formstoffe aufbereiten, Formen aufbauen, trocknen und brennen.
Schmelzen
Legierungen zusammenstellen, schmelzen und Temperatur führen.
Gießen
Schmelze abgießen, Nachspeisung sichern und Erstarrung abwarten.
Entformen und putzen
Guss freilegen, Angüsse trennen und Oberfläche bearbeiten.
Klang abstimmen
Bei Glocken den Ton prüfen und durch Ausdrehen korrigieren.
Warum eine Glocke nur einen Versuch hat
Der Klang einer Glocke ergibt sich aus ihrer Rippe – dem Wandstärkenverlauf vom Rand zur Krone. Ist er falsch, stimmt der Ton nicht. Nach dem Guss lässt sich nur noch tiefer stimmen durch Ausdrehen, nie höher.
Bronze mit fester Rezeptur
Glockenbronze besteht aus etwa vier Teilen Kupfer und einem Teil Zinn. Diese Zusammensetzung hat sich über Jahrhunderte bewährt: Sie ist hart genug für hellen Klang und zäh genug, um nicht zu springen.
Zwei Fachrichtungen
Der Glockenguss fertigt Glocken und stimmt sie ab. Der Metallguss arbeitet an Kunstguss, Skulpturen, Bauteilen und Restaurierungsobjekten – oft im Wachsausschmelzverfahren.
Restaurierung als Standbein
Historische Glocken, Denkmäler und Kunstobjekte müssen instand gesetzt und ergänzt werden. Dieses Feld ist beständig und verlangt genau die Kenntnisse, die sonst niemand mehr hat.
Ausbildungsinhalte: Was in den drei Jahren vermittelt wird
Werkstoffkunde
Bronze, Messing, Aluminium, Legierungen und Schmelzverhalten.
Modell und Schablone
Maße, Schwindmaß, Rippenverlauf und Vorlagen.
Formstoffe
Lehm, Sand, Bindemittel, Aufbereitung und Festigkeit.
Formenbau
Aufbau, Kerne, Trocknung, Brennen und Entlüftung.
Schmelz- und Gießtechnik
Ofenführung, Temperatur, Abgießen und Speisung.
Wachsausschmelzverfahren
Wachsmodell, Formaufbau, Ausschmelzen und Guss.
Nachbearbeitung
Putzen, Ziselieren, Patinieren und Oberflächenbehandlung.
Klangkunde und Sicherheit
Tonprüfung, Ausdrehen, Hitzeschutz und Arbeitsschutz.
Passt der Beruf zu mir?
Der Beruf verlangt Präzision, körperliche Belastbarkeit und Freude an traditionellem Handwerk. Genau diese Passungsfrage lässt sich nicht am Schreibtisch beantworten. In einer Berufsberatung wird sie mit wissenschaftlich validierten Verfahren geprüft – bevor eine Bewerbung geschrieben wird.
Formale Voraussetzungen
- Meist mittlerer Schulabschluss erwartet
- Handwerkliches Geschick
- Räumliches Vorstellungsvermögen
- Körperliche Belastbarkeit
- Hitzeverträglichkeit
- Gutes Gehör von Vorteil
Persönliche Eigenschaften
- Präzision – ein Guss lässt sich nicht wiederholen
- Geduld beim Formenbau
- Körperliche Ausdauer
- Verantwortungsbewusstsein bei Hitze und Schmelze
- Formgefühl für Kunstguss
- Interesse an Tradition und Restaurierung
RIASEC-Profil: RAC – Realistic · Artistic · Conventional
Der Beruf verbindet körperlich-handwerkliche Form- und Gießarbeit (R) mit gestaltendem Umgang an Kunstguss und Oberfläche (A) sowie maß- und verfahrensgebundener Ausführung (C).
Im Kunstguss tritt das A deutlicher hervor, beim Glockenguss ein I-Anteil durch Klangberechnung. Ihren persönlichen Code ermitteln Sie kostenlos im Berufswahltest.
Glocken und Kunstguss?
Uraltes Handwerk, sehr selten. Der Berufswahltest hilft bei der Einordnung.
Gehalt: Vergütung in der Ausbildung & Einstiegsgehalt
Die Vergütung wird betrieblich vereinbart; die Betriebe sind sehr klein.
Vergütung und Rahmenbedingungen
Fragen Sie nach der Fachrichtung und danach, ob der Betrieb Restaurierung anbietet. Wer historische Objekte instand setzen kann, beherrscht Kenntnisse, die kaum jemand sonst hat – und arbeitet in einem beständigen Feld.
Einstiegsgehalt nach der Ausbildung
Nach der Gesellenprüfung ist das Feld winzig, die Konkurrenz praktisch nicht vorhanden. Wege führen zum Meister, in die Restaurierung und in den Kunstguss.
Ausbildungsablauf: Von der Form zum fertigen Guss
Die dreijährige Ausbildung führt von Werkstoff- und Formenkunde über die Schmelztechnik bis zur Nachbearbeitung.
Grundlagen
Werkstoffkunde, Formstoffe, einfache Formen und Arbeitssicherheit.
Formen und Schmelzen
Formenbau, Kerne, Ofenführung, Abgießen und Entformen.
Etwa nach der Hälfte
Praktische und schriftliche Aufgaben über die bisherigen Inhalte.
Fachrichtung
Glockenrippe und Klang oder Kunstguss, Nachbearbeitung und Patina.
Gesellenprüfung
Anfertigung eines Gesellenstücks sowie schriftliche Teile.
Karrierewege: Meister, Restaurierung, Kunstguss
Weil das Handwerk sehr selten geworden ist, sind Fachleute für historische Objekte gesucht. Weil diese Wege sehr unterschiedliche Anforderungen stellen, lohnt eine frühe Standortbestimmung – etwa in einer Berufsberatung mit diagnostischer Grundlage.
Meister und eigener Betrieb
Der klassische Weg.
- Meisterprüfung im Handwerk
- Eigene Gießerei
- Ausbildungsberechtigung
- Projekt- und Kundenverantwortung
Restaurierung
Das beständigste Feld.
- Historische Glocken instand setzen
- Denkmäler und Kunstobjekte
- Rekonstruktion nach Befund
- Zusammenarbeit mit Denkmalpflege
Kunstguss
Der gestalterische Weg.
- Skulpturen und Plastiken
- Zusammenarbeit mit Künstlern
- Wachsausschmelzverfahren
- Patina und Oberfläche
Fortbildung
Mit Erfahrung möglich.
- Restaurierung und Konservierung
- Techniker/in Gießereitechnik
- Metallgestaltung
- Betriebswirt/in im Handwerk
Pro & Contra: Stärken und Herausforderungen des Berufs
Ein uraltes, winziges Handwerk mit beständiger Nische – und harter körperlicher Arbeit.
Was für den Beruf spricht
- Traditionelles Handwerk mit langer Geschichte
- Restaurierung als beständiges Feld
- Praktisch keine Bewerberkonkurrenz
- Beeindruckende, sichtbare Werkstücke
- Verbindung von Handwerk und Gestaltung
- Zwei sehr verschiedene Fachrichtungen
Was Sie wissen sollten
- Extrem wenige Ausbildungsplätze
- Körperlich sehr fordernd
- Große Hitze und Staub
- Umzug für die Ausbildung fast sicher
- Vergütung meist ohne Tarifbindung
- Fehler beim Guss sind teuer
Metall- und Glockengießer vs. Gießereimechaniker vs. Metallbildner
Drei Berufe rund um Guss und Metallgestaltung.
Einschätzung unserer Berater

Jan Bohlken
Gründer & Geschäftsführer Profiling Institut · Dipl.-Sozioökonom
„Wirtschaftlich am beständigsten ist die Restaurierung: Historische Glocken, Denkmäler und Kunstobjekte müssen instand gesetzt werden, und dafür braucht es genau die Kenntnisse, die sonst kaum jemand hat. Fragen Sie deshalb im Bewerbungsgespräch, ob Ihr Betrieb in diesem Bereich arbeitet – und nach der Fachrichtung.“

Raphaela Peitsch
Diplom-Psychologin · DGSF-zertifiziert
„Das Faszinierende am Glockenguss ist die Endgültigkeit: Der Klang ergibt sich aus dem Wandstärkenverlauf, der sogenannten Rippe. Stimmt sie nicht, stimmt der Ton nicht – und nach dem Guss lässt sich nur noch tiefer stimmen, nie höher. Man hat also einen Versuch. Das verlangt Präzision und Ruhe zugleich.“
Metall- und Glockengießer/in – FAQ
Zwei. Der Glockenguss fertigt Glocken vom Formenbau über den Guss bis zur Klangabstimmung. Der Metallguss arbeitet an Kunstguss, Skulpturen, Bauteilen und Restaurierungsobjekten – häufig im Wachsausschmelzverfahren. Beide teilen Formenbau und Schmelztechnik, unterscheiden sich aber in Objekten und Anforderungen deutlich.
Für Ausbildungsverhältnisse, die 2026 beginnen, beträgt die Mindestausbildungsvergütung nach § 17 BBiG 724 € im ersten, 854 € im zweiten und 977 € im dritten Ausbildungsjahr. Im Handwerk gelten häufig Innungstarife, die darüber liegen; die Unterschiede zwischen Gewerken und Regionen sind allerdings erheblich.
Der Verlauf der Wandstärke vom Rand bis zur Krone – das eigentliche Konstruktionsprinzip. Aus ihm ergibt sich der Klang mit seinen einzelnen Teiltönen. Die Rippe wird nach überlieferten Maßverhältnissen konstruiert und als Schablone in den Formenbau übertragen. Eine Abweichung von wenigen Millimetern verändert den Ton hörbar.
Nur in eine Richtung. Durch Ausdrehen von Material an der Innenseite lässt sich der Ton tiefer stimmen – Material hinzufügen und damit höher stimmen geht nicht. Deshalb wird bewusst so gegossen, dass die Glocke etwas zu hoch klingt und beim Stimmen auf den Zielton gebracht werden kann.
Aus Kupfer und Zinn im Verhältnis von etwa vier zu eins. Diese Zusammensetzung hat sich über Jahrhunderte bewährt: Mehr Zinn macht den Klang heller, das Material aber spröde und bruchgefährdet; weniger Zinn ergibt eine zähere, aber klanglich stumpfere Glocke. Die Legierung wird deshalb genau eingehalten und vor dem Guss geprüft.
Sehr fordernd. Formen aus Lehm und Sand sind schwer, Schmelztiegel und Gussmaterial ebenfalls; bewegt wird mit Kran und Hebehilfen. Am Ofen herrscht große Hitze, in der Putzerei entstehen Staub und Lärm. Hitzeschutzkleidung, Gehörschutz und Absaugung sind selbstverständlich.
Meist einen mittleren Schulabschluss. Wichtig sind handwerkliches Geschick, räumliches Vorstellungsvermögen und körperliche Belastbarkeit. Hitzeverträglichkeit ist Voraussetzung, weil an Schmelzofen und Guss gearbeitet wird. Ein gutes Gehör ist beim Glockenguss von Vorteil.
Ein Gießverfahren für feine Formen. Das Modell wird in Wachs gefertigt und mit Formmasse ummantelt. Beim Erhitzen schmilzt das Wachs aus und hinterlässt einen Hohlraum, in den die Schmelze fließt. So lassen sich feinste Details abbilden – allerdings wird die Form beim Entformen zerstört, sodass jedes Modell nur einmal verwendbar ist.
Klein, aber beständig. Das Feld ist deutlich geschrumpft, und die Zahl der Betriebe ist gering – dafür erlernen kaum noch Menschen diese Techniken, sodass gute Fachkräfte knapp und gefragt sind. Tragfähig sind vor allem Restaurierung, Sonderanfertigung und Reparatur, wo maschinelle Fertigung nicht weiterhilft. Viele arbeiten später selbstständig oder mit mehreren Standbeinen.
Vor der Bewerbung Klarheit gewinnen
Ein uraltes, winziges Handwerk. Ob das Profil passt, klären wir mit wissenschaftlich validierter Diagnostik nach DIN 33430. An sieben Standorten oder online.
Weiterführende Themen
Quellen & Methodik
- Ausbildungsverordnung Metall- und Glockengießer/in nach dem Berufsbildungsgesetz; dreijährige duale Ausbildung mit zwei Fachrichtungen und Gesellenprüfung vor der Handwerkskammer.
- Fachrichtungen: Metallguss sowie Glockenguss.
- Glockenrippe: Wandstärkenverlauf als klangbestimmendes Konstruktionsprinzip mit Übertragung in Schablonen für den Formenbau.
- Klangkorrektur: Nachstimmen ausschließlich durch Materialabtrag im Inneren mit Absenkung des Tons; Erhöhung nicht möglich.
- § 17 BBiG zur Mindestausbildungsvergütung 2026 (724 / 854 / 977 €).
- RIASEC-Modell nach John L. Holland (1997): „Making Vocational Choices“, 3. Auflage, PAR.