Oberarzt: Aufgaben, Gehalt und der Schritt in die erste Führungsstufe
Die Ernennung zum Oberarzt ist der erste echte Führungsschritt einer Klinikkarriere – und der am wenigsten vorbereitete. Wer sie annimmt, verantwortet ab Tag eins die Supervision von Assistenzärzten, die Weiterbildung eines ganzen Teams und den Hintergrunddienst. Was die Beförderung wirklich auslöst, was Ä3 und Ä4 nach TV-Ärzte konkret bedeuten und warum fachliche Exzellenz allein die Rolle nicht trägt.
Was macht ein Oberarzt?
Der Oberarzt ist die erste Führungsebene in der ärztlichen Hierarchie eines Krankenhauses. Über ihm steht der Chefarzt, unter ihm arbeiten Fachärzte und Assistenzärzte in Weiterbildung. Diese Zwischenstellung beschreibt die Rolle präziser als jede Aufgabenliste: Der Oberarzt trägt die medizinische Verantwortung für einen Teil- oder Funktionsbereich der Abteilung, ohne selbst die strategische Leitung der Klinik zu haben – und er ist gleichzeitig derjenige, den Assistenzärzte um drei Uhr nachts anrufen.
Rechtlich ist „Oberarzt" kein geschützter Titel und keine Facharztqualifikation. Es ist eine Position, die der Arbeitgeber überträgt. Die Weiterbildungsordnungen der Landesärztekammern kennen den Oberarzt nicht; der Tarifvertrag für Ärztinnen und Ärzte kennt ihn sehr wohl, nämlich als Entgeltgruppe Ä3. Genau in dieser Doppelnatur – Positionsbezeichnung einerseits, tarifliches Merkmal andererseits – liegt ein großer Teil der Konflikte, die in Kliniken um den Oberarzttitel geführt werden. Wer den Unterschied zwischen dem Weiterbildungsziel Facharzt und der Beförderungsposition Oberarzt nicht kennt, plant seine Karriere an der Realität vorbei.
Inhaltlich verschiebt sich die Arbeit deutlich. Ein Facharzt behandelt Patienten. Ein Oberarzt behandelt weiterhin Patienten – aber zusätzlich verantwortet er die Fälle, die andere behandeln. Er entscheidet in Konstellationen, in denen die Standardpfade nicht greifen, er trägt die Verantwortung für die Weiterbildung der Assistenzärzte, er hält den Hintergrunddienst, er organisiert Dienstpläne und Sprechstunden, und er steht in Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen für Entscheidungen seines Bereichs gerade. Der Anteil unmittelbarer Patientenarbeit sinkt, der Anteil an Supervision, Koordination und Dokumentation steigt.
Typischer Arbeitstag eines Oberarztes
Der Tagesablauf hängt stark vom Fach ab – ein Oberarzt der Anästhesie arbeitet anders getaktet als einer der Inneren Medizin. Gemeinsam ist allen die permanente Unterbrechbarkeit: Der Oberarzt ist die Instanz, an die eskaliert wird, und das passt sich keinem Kalender an.
Wie wird man Oberarzt? Was die Ernennung wirklich auslöst
Es gibt keine Prüfung zum Oberarzt, kein Zertifikat, kein formales Auswahlverfahren, das gesetzlich vorgeschrieben wäre. In der Praxis der meisten Häuser entsteht die Ernennung aus einer Kombination von drei Faktoren: fachlicher Exzellenz, Verfügbarkeit und Bedarf. Wer im eigenen Haus als sicherster Operateur oder als der Arzt gilt, den man bei einem schwierigen Fall dazuholt, und wer zum Zeitpunkt einer Vakanz da ist – der wird gefragt.
Das erklärt zwei Beobachtungen, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirken. Erstens: Die Ernennung kommt oft überraschend und ohne Vorlauf. Ein Chefarzt spricht einen Facharzt im Anschluss an eine Besprechung an, und drei Monate später steht der Name auf dem Dienstplan in der Oberarztzeile. Zweitens: Es gibt kaum Vorbereitung. Wer als Facharzt hervorragend arbeitet, hat damit noch keinen einzigen Tag Führungserfahrung gesammelt – die beiden Kompetenzbereiche haben nur eine geringe Schnittmenge.
Der Zeitpunkt variiert stark. Klassisch vergehen zwischen Facharztanerkennung und Oberarzternennung drei bis sechs Jahre. In Fächern und Regionen mit angespannter Personallage – Innere Medizin in ländlichen Häusern, Anästhesie, Radiologie, Psychiatrie – kann es deutlich schneller gehen; dort werden junge Fachärzte teilweise wenige Monate nach der Facharztprüfung befördert, schlicht weil die Stelle sonst unbesetzt bliebe. In hochkompetitiven Fächern an Universitätskliniken – Herzchirurgie, Neurochirurgie, große Viszeralchirurgie – dauert es umgekehrt oft acht Jahre und länger, häufig verbunden mit Habilitation und Publikationsleistung.
Was die Ernennung praktisch auslöst, lässt sich aus der Beratungspraxis recht klar benennen. Erstens ein Vakanzereignis: Ein Oberarzt geht in die Niederlassung, wechselt das Haus oder wird selbst Chefarzt. Zweitens eine sichtbare Sonderkompetenz: eine Zusatzweiterbildung, ein Verfahren, das sonst niemand im Haus beherrscht, die Verantwortung für ein Zertifizierungsprojekt. Drittens Loyalität und Verlässlichkeit im Dienstgefüge – Ärzte, die Dienste übernehmen, erreichbar sind und die Abteilung nach außen tragen, werden bevorzugt. Und viertens, deutlich seltener als man erwarten würde, ein strukturiertes Auswahlverfahren mit externer Ausschreibung.
Für die eigene Karriereplanung heißt das: Die Oberarztposition wird selten erkämpft, sondern angeboten. Wer sie anstrebt, arbeitet an Sichtbarkeit im eigenen Haus, an einer klar erkennbaren Spezialkompetenz und an der Frage, ob er den Führungsteil dieser Rolle überhaupt will. Diese letzte Frage wird am seltensten gestellt – und ist die folgenreichste. Eine strukturierte Karriereberatung vor der Zusage kostet deutlich weniger Zeit als eine Korrektur zwei Jahre später.
Funktionsoberarzt, Oberarzt, leitender Oberarzt: die drei Rollen sauber unterschieden
Im Klinikalltag werden diese drei Bezeichnungen häufig vermischt – tariflich und arbeitsrechtlich bedeuten sie sehr Unterschiedliches. Die Unterscheidung ist keine Feinheit: Zwischen einem Funktionsoberarzt in Ä2 und einem Oberarzt in Ä3 liegen nach TV-Ärzte/VKA rund 1.900 Euro monatlich bei praktisch identischer Arbeitsbelastung.
Aus dieser Systematik folgt eine praktische Empfehlung: Bei jedem Aufstiegsangebot sollte schriftlich festgehalten werden, welcher Teil- oder Funktionsbereich übertragen wird und welche Entgeltgruppe gelten soll. Eine mündliche Zusage „wir machen dich zum Oberarzt" ohne diese beiden Angaben ist tariflich wertlos. Wer diese Klärung nachholen muss, führt sie gegen den eigenen Arbeitgeber – und das in einer Rolle, die auf Vertrauen aufbaut.
Kompetenzprofil: was die Rolle tatsächlich verlangt
Die fachliche Seite ist bei jedem Kandidaten gesichert – sonst käme die Ernennung nicht zustande. Interessanter ist die zweite Spalte: Sie beschreibt Kompetenzen, die im Medizinstudium und in der gesamten Weiterbildung zum Facharzt praktisch nicht vorkommen und die dennoch ab dem ersten Tag verlangt werden.
Wege in die Oberarztposition
Es gibt nicht den einen Weg. In der Praxis lassen sich drei Muster unterscheiden, die sich in Tempo, Risiko und Verhandlungsposition erheblich unterscheiden.
Gehalt als Oberarzt 2026
Die Vergütung von Oberärzten ist in Deutschland ungewöhnlich transparent, weil sie in den allermeisten Fällen tariflich geregelt ist. Zwei Tarifwerke dominieren: der TV-Ärzte/VKA für kommunale Krankenhäuser und der TV-Ärzte/TdL für Universitätskliniken. Beide kennen vier Entgeltgruppen – Ä1 für Assistenzärzte, Ä2 für Fachärzte, Ä3 für Oberärzte und Ä4 für den ständigen Vertreter des leitenden Arztes. Private Träger wie Helios, Asklepios, Sana oder Rhön orientieren sich an Haustarifverträgen, die je nach Region und Fach ober- oder unterhalb des kommunalen Niveaus liegen.
Der Sprung von Ä2 auf Ä3 ist der größte Gehaltssprung einer ärztlichen Laufbahn. Nach TV-Ärzte/VKA (Stand 1. Juni 2026) steigt das monatliche Grundentgelt von 7.552 Euro in Ä2 Stufe 1 auf 9.460 Euro in Ä3 Stufe 1 – rund 1.900 Euro monatlich oder gut 22.000 Euro im Jahr, allein durch die Höhergruppierung. Wer diese Zahl kennt, versteht, warum die Abgrenzung zum Funktionsoberarzt so häufig streitig wird.
| Stufe | Entgeltgruppe | Monatliches Grundentgelt | Jahresgrundentgelt | Einordnung |
|---|---|---|---|---|
| Facharzt (Ausgangspunkt) | Ä2, Stufen 1–3 | 7.552 – 8.741 € | 90.600 – 104.900 € | VKA – die Stufe, aus der befördert wird |
| Oberarzt, Einstieg | Ä3, Stufe 1 | 9.460 € | 113.500 € | VKA – Sprung von rund 1.900 € pro Monat |
| Oberarzt, 4–7 Jahre | Ä3, Stufen 2–3 | 10.016 – 10.811 € | 120.200 – 129.700 € | VKA – Endstufe nach 7 Jahren erreicht |
| Leitender Oberarzt | Ä4, Stufen 1–2 | 11.128 – 11.923 € | 133.500 – 143.100 € | VKA – ständiger Vertreter des Chefarztes |
| Universitätsklinik | Ä3 bis Ä4 | 9.577 – 12.712 € | 114.900 – 152.500 € | TdL – rund 1–7 % über kommunalem Niveau |
| Inklusive Diensten & Zulagen | Ä3 / Ä4 | bis rund 15.800 € | bis rund 190.000 € | Bereitschaftsdienst, Rufbereitschaft, außertarifliche Verträge |
Die letzte Zeile verdient eine Erklärung, weil sie im Alltag den größten Unterschied macht. Das Grundentgelt ist nur ein Teil der Vergütung. Bereitschaftsdienste werden nach TV-Ärzte/VKA für Oberärzte mit rund 47 bis 49 Euro je Stunde vergütet, für leitende Oberärzte mit rund 52 Euro, jeweils zuzüglich eines Zeitzuschlags von 15 Prozent für die Dauer des Bereitschaftsdienstes. Hinzu kommen Zeitzuschläge für Nacht-, Sonn- und Feiertagsarbeit, eine Jahressonderzahlung und in vielen Häusern eine betriebliche Altersversorgung. Wer regelmäßig Dienste leistet, erreicht damit ein Jahresbrutto, das deutlich über dem tabellarischen Grundentgelt liegt.
Zwei Punkte werden bei Gehaltsvergleichen regelmäßig übersehen. Erstens ist ein hoher Anteil dieser Zusatzvergütung an Nacht- und Wochenendarbeit gekoppelt – es handelt sich also nicht um eine Gehaltssteigerung, sondern um bezahlte Lebenszeit. Zweitens liegt die Vergütung eines Chefarztes in kleineren Häusern heute in manchen Fällen unter der eines dienstaktiven leitenden Oberarztes mit außertariflichem Vertrag – ein Befund, der sich seit den späten 1990er Jahren aufgebaut hat und einen erheblichen Teil des nachlassenden Interesses an Chefarztpositionen erklärt. Ein Blick in den Gehaltsvergleich der Berufsbilder ordnet das Niveau gegenüber anderen akademischen Berufen ein.
Quellen der Vergütungsangaben: Entgelttabelle TV-Ärzte/VKA, gültig ab 01.06.2026 (+2,0 %), oeffentlichen-dienst.de · Entgelttabelle TV-Ärzte/TdL, gültig ab 01.04.2026 (+2,95 %), oeffentlichen-dienst.de · Bereitschaftsdienstentgelte TV-Ärzte/VKA 2026, praktischarzt.de · Oberarzt-Gehalt 2026, praktischarzt.de. Jahreswerte sind das Zwölffache des jeweiligen Monatsgrundentgelts, ohne Jahressonderzahlung und ohne Dienstvergütung, sofern nicht anders angegeben.
Welche Persönlichkeit passt zur Oberarztrolle?
Die Frage wird selten gestellt, weil die Beförderung als selbstverständliche Fortsetzung der fachlichen Laufbahn gilt. Aus eignungsdiagnostischer Sicht ist sie das nicht: Die Anforderungen der Oberarztrolle unterscheiden sich systematisch von denen der Facharztrolle, und einige der Eigenschaften, die einen exzellenten Facharzt ausmachen, sind in der Führungsrolle neutral oder sogar hinderlich.
Vier Merkmale erweisen sich in der diagnostischen Praxis als besonders tragfähig. Ambiguitätstoleranz: Als Facharzt entscheiden Sie über Ihren Patienten mit Ihren Informationen. Als Oberarzt entscheiden Sie über Fälle, die Ihnen jemand anderes am Telefon beschreibt – unvollständig, gefärbt, unter Zeitdruck. Wer nur mit vollständiger Information sicher entscheiden kann, empfindet den Hintergrunddienst als dauerhafte Zumutung.
Delegationsfähigkeit: Die häufigste Fehlanpassung neuer Oberärzte ist, alles selbst zu machen. Das ist fachlich verständlich – man hat sich die Sicherheit ja erarbeitet – und führt binnen Monaten zu einer Doppelbelastung aus Facharzt- und Oberarztarbeit. Wer nicht ertragen kann, dass ein Assistenzarzt eine Aufgabe langsamer und weniger elegant löst, kann die Rolle nicht ausfüllen.
Konfliktfähigkeit ohne Positionsmacht: Der Oberarzt führt Menschen, die er nicht einstellt, nicht entlässt und deren Gehalt er nicht bestimmt. Führung funktioniert hier fast ausschließlich über fachliche Autorität, Fairness und Beziehungsarbeit. Wer Konflikte über Hierarchie löst, verliert das Team.
Belastungsregulation: Die Kombination aus voller klinischer Tätigkeit, Führungsaufgaben und Hintergrunddienst ist strukturell nicht in eine Regelarbeitszeit einzupassen. Wer keine belastbaren Routinen zur Abgrenzung hat, gerät in eine Erschöpfungsspirale – und zwar typischerweise nicht im ersten Jahr, sondern im dritten.
Umgekehrt sind zwei Muster kritisch. Ausgeprägter Perfektionismus mit geringer Fehlertoleranz gegenüber anderen macht die Weiterbildungsverantwortung zur Qual, für beide Seiten. Und ein sehr hohes Autonomiebedürfnis kollidiert mit einer Rolle, die per Definition Sandwich-Position ist: Sie setzen Entscheidungen des Chefarztes um, die Sie nicht getroffen haben, und vertreten sie gegenüber einem Team, das sie kritisiert.
Führungsrolle ohne Führungsausbildung
Ärztinnen und Ärzte werden für fachliche Leistung befördert. Das ist nachvollziehbar – die Klinik braucht an dieser Stelle jemanden, der medizinisch sicher entscheidet. Nur beschreibt die fachliche Leistung nicht ansatzweise das, was ab dem ersten Tag im neuen Amt tatsächlich verlangt wird. Das Medizinstudium enthält keine Führungsausbildung. Die Weiterbildung zum Facharzt enthält keine Führungsausbildung. Und die Ernennung zum Oberarzt geht in den meisten Häusern ohne strukturiertes Auswahlverfahren, ohne Assessment, ohne Einarbeitungsprogramm und ohne begleitendes Coaching vonstatten.
Das Ergebnis ist eine der klarsten Kompetenzlücken, die uns in der eignungsdiagnostischen Praxis begegnen: hochqualifizierte Fachleute in einer Rolle, deren zentrale Anforderungen sie nie trainiert haben, in einem Umfeld, das Fehler in der Personalführung teuer bezahlt – über Fluktuation, über Weiterbildungsqualität und über die Patientensicherheit.
Genau hier setzt unsere Arbeit an. Eine Persönlichkeitsanalyse für Führungskräfte misst nicht, ob Sie ein guter Arzt sind – das steht außer Frage. Sie misst die Dispositionen, die in Führungssituationen tragen: Belastungsregulation, Konfliktverhalten, Delegationsbereitschaft, Entscheidungsstil unter Unsicherheit. Und sie zeigt, wo Entwicklung realistisch ist und wo eine Rolle strukturell gegen die eigene Persönlichkeit arbeitet.
RIASEC-Eignungsprofil: Oberarzt
Das Idealprofil ist ISE – Investigative, Social, Enterprising. Der entscheidende Unterschied zum Facharztprofil liegt im dritten Buchstaben: Als Facharzt trägt Sie ein Profil aus I und S, ergänzt um einen realistischen Anteil für die manuelle Seite des Fachs. Mit der Oberarztrolle rückt Enterprising – Führen, Verantworten, Verhandeln, Überzeugen – von einem Randmerkmal in den Kern der Rolle. Wer diesen Anteil gering ausgeprägt hat, kann als Facharzt exzellent sein und in der Oberarztposition dennoch dauerhaft unglücklich werden. Das Grundmodell erklären wir im Überblick über die sechs RIASEC-Interessentypen.
Karrierestufen: von der Approbation bis zur Klinikleitung
Die ärztliche Klinikkarriere ist stärker standardisiert als fast jede andere akademische Laufbahn in Deutschland. Die Stufen sind klar benannt, die Vergütung ist tariflich hinterlegt, und die Übergänge sind an nachvollziehbare Bedingungen geknüpft. Was die Darstellung nicht abbildet: Die Pyramide verengt sich nach oben drastisch. Der Übergang von Ä2 nach Ä3 gelingt vielen; der von Ä3 nach oben nur einer Minderheit.
Wichtig für die realistische Planung: Der Weg endet für die meisten Oberärzte auf Stufe 3 oder 4 – und das ist kein Scheitern, sondern die statistische Normalität. Eine Klinikabteilung hat einen Chefarzt, einen leitenden Oberarzt und je nach Größe drei bis zwölf Oberärzte. Wer die Oberarztrolle nur als Durchgangsstation zur Klinikleitung annimmt, plant gegen die Struktur. Die Alternativen – Niederlassung, medizinische Leitungsfunktionen jenseits der Bettenstation, Wechsel in die digitale Gesundheitswirtschaft – sollten früh mitgedacht werden, nicht erst im Frustrationsmoment.
Fachrichtungen: wo die Oberarztrolle unterschiedlich aussieht
„Oberarzt" beschreibt eine Hierarchiestufe, keinen Tätigkeitsinhalt. Wie die Rolle konkret aussieht, entscheidet das Fach – und zwar erheblich, sowohl in der Dienstbelastung als auch in der Geschwindigkeit, mit der die Position erreichbar ist.
Arbeitsmarkt und Zukunftsaussichten
Die Nachfrage nach Oberärzten ist hoch und bleibt es. Die Bundesärztekammer weist zum 31. Dezember 2025 rund 446.000 berufstätige Ärztinnen und Ärzte aus, ein Plus von 2,0 Prozent gegenüber dem Vorjahr; im Krankenhausbereich lag der Zuwachs mit 2,4 Prozent noch etwas höher. Diese Zahlen verdecken jedoch das eigentliche Problem: Der Zuwachs gleicht die gestiegene Teilzeitquote, die Arbeitszeitverkürzung und den Ruhestandseintritt geburtenstarker Jahrgänge nur teilweise aus. Für Fachärzte mit Führungsbereitschaft ist die Marktlage damit strukturell günstig – besonders abseits der Ballungsräume und in Fächern wie Innerer Medizin, Anästhesie, Psychiatrie und Pädiatrie.
Zwei Entwicklungen prägen den Markt bis 2030. Erstens die Krankenhausreform: Mit der Umstellung auf Leistungsgruppen und einer teilweisen Vorhaltevergütung konzentrieren sich komplexe Leistungen auf weniger Standorte. Für Oberärzte bedeutet das Bewegung in beide Richtungen – an spezialisierten Zentren entstehen neue Positionen, an kleineren Häusern fallen Bereiche und damit auch Führungsstellen weg. Wer an einem Standort arbeitet, dessen Leistungsgruppen zur Disposition stehen, sollte diese Frage aktiv stellen, nicht abwarten.
Zweitens verschiebt sich die Attraktivität der Aufstiegsstufen. Das Deutsche Ärzteblatt beschreibt seit Jahren einen Rückgang ausgeschriebener Chefarztpositionen bei gleichzeitig deutlich gewachsener Zahl an Fachärzten unterhalb der Chefarztebene. Kombiniert mit dem Befund, dass Chefarztgehälter seit den späten 1990er Jahren real korrigiert wurden, während dienstaktive Oberärzte über Bereitschaftsdienste auf vergleichbare Summen kommen, entsteht ein neues Muster: Die Oberarztposition wird für viele nicht mehr Durchgangsstufe, sondern Zielposition. Wer eine Karriere über die Oberarztebene hinaus plant, sollte den Vergleich der Zukunftsaussichten verschiedener Berufsfelder in die Überlegung einbeziehen.
Wie verändert KI die Oberarztrolle?
Der Einfluss künstlicher Intelligenz auf die ärztliche Arbeit ist real, trifft die Oberarztrolle aber anders als die Facharztrolle. Was sich messbar verändert: Befundungsunterstützung in Radiologie, Dermatologie und Pathologie, automatisierte Kodiervorschläge, Sprachmodelle für Arztbriefe und Dokumentation, Frühwarnsysteme auf Intensivstationen. Diese Werkzeuge entlasten vor allem die Tätigkeiten, die heute Zeit fressen – der MB-Monitor 2024 des Marburger Bundes beziffert den täglichen Aufwand für vermeidbare Bürokratie auf rund drei Stunden.
Was KI in dieser Rolle nicht ersetzt, ist der Kern der Oberarzttätigkeit: die Verantwortungsübernahme für Entscheidungen unter Unsicherheit, die Supervision und Ausbildung von Menschen, das Angehörigengespräch nach einer Komplikation, die Abwägung zwischen medizinisch Wünschenswertem und organisatorisch Möglichem. Der wahrscheinlichste Effekt ist daher eine Verschiebung des Rollenschwerpunkts: weniger Dokumentation und Routinebefundung, mehr Führung, Kommunikation und Verantwortung. Das verstärkt genau die Anforderung, auf die Ärzte am wenigsten vorbereitet werden. Wer die Entwicklung breiter einordnen möchte, findet dazu unsere Übersicht zu KI und Beruf.
Typische Arbeitgeber
Die Wahl des Trägers entscheidet über Tarifwerk, Aufstiegsgeschwindigkeit, Forschungsanteil und Führungskultur – oft stärker als die Wahl des Fachs.
Vorteile und Nachteile – eine ehrliche Einschätzung
Die Oberarztposition ist attraktiv – fachlich, finanziell und im Ansehen. Sie hat aber strukturelle Schattenseiten, die in Stellenanzeigen und Beförderungsgesprächen selten offen benannt werden. Wer beide Seiten kennt, entscheidet besser.
Der letzte Punkt der linken und der vorletzte der rechten Spalte gehören zusammengelesen. Die Oberarztposition ist eine der wenigen Rollen, in denen fachliche Erfüllung und strukturelle Belastung so eng nebeneinander liegen. Deshalb ist die Frage vor der Zusage nicht „Kann ich das?", sondern „Will ich das unter diesen Bedingungen – und über welchen Zeitraum?".
Passt die Oberarztrolle wirklich zu Ihnen?
Die Frage stellt sich meist zu spät – wenn die Zusage schon gegeben ist. Wir analysieren mit wissenschaftlich fundierter Eignungsdiagnostik, welche Anforderungen der ersten Führungsstufe zu Ihrem Profil passen, wo Entwicklung realistisch ist und welche Belastungen dauerhaft gegen Sie arbeiten würden – bevor Sie entscheiden.
Beratungsangebote des Profiling Instituts
Der Schritt in die erste Führungsstufe ist eine Weichenstellung, die sich schwer rückgängig machen lässt: Wer eine Oberarztposition nach zwei Jahren wieder abgibt, erklärt das im Lebenslauf. Diese drei Beratungsformen passen zu den Fragen, die vor und nach dieser Entscheidung auftauchen.
Verwandte Berufsbilder
Die Oberarztposition liegt in der Mitte einer klar beschreibbaren Laufbahn. Diese Berufsbilder umreißen die Stufen davor und danach sowie die angrenzenden Führungsrollen im Krankenhaus: