Hogan Assessments: helle Seite, dunkle Seite, innere Werte
Kaum ein Verfahren wird international so häufig für Führungspositionen eingesetzt – und keines stellt eine so unbequeme Frage: Was passiert mit dieser Person unter Druck? Dieser Beitrag erklärt HPI, HDS und MVPI, die sozioanalytische Theorie dahinter und wo Hogan im Vergleich zu BIP und NEO-PI-R steht.
Reputation statt Identität
Die Hogan-Instrumente beruhen auf einer Grundannahme, die sie von den meisten anderen Persönlichkeitsverfahren unterscheidet: Was zählt, ist nicht, wer jemand innerlich zu sein glaubt, sondern wie andere ihn erleben. Robert Hogan nennt das den Unterschied zwischen Identität und Reputation – und misst konsequent die Reputation.
Die dahinterliegende sozioanalytische Theorie geht davon aus, dass menschliches Verhalten in Organisationen von drei Motiven getragen wird: dazuzugehören, voranzukommen und Sinn zu finden. Persönlichkeitsmerkmale sind aus dieser Sicht Strategien, mit denen Menschen diese Ziele verfolgen. Ein Fragebogen misst dann nicht das Innenleben, sondern das über die Zeit entstandene Bild, das andere von einer Person haben.
Für die Praxis hat das eine handfeste Konsequenz. Reputation ist genau das, was Berufserfolg vorhersagt – Beförderungen, Vertrauen, Zugang zu Ressourcen entstehen aus dem Bild, das andere sich machen. Deshalb ist die Frage nach der Außenwirkung im Führungskontext oft aussagekräftiger als die nach der Selbstwahrnehmung. Wie sich das von einem strukturorientierten Ansatz unterscheidet, zeigt der Vergleich mit dem NEO-PI-R.
Abb. 1: Die Drei-Instrumente-Architektur der Hogan-Suite.
Das Wichtigste in Kürze
- HPI misst die Alltagswirkung über sieben Primärskalen, die sich weitgehend auf die Big Five abbilden lassen.
- HDS erfasst elf Verhaltensmuster, die unter Druck vom Vorteil zum Risiko kippen – der eigentliche Unterscheidungspunkt der Suite.
- MVPI beschreibt zehn Wertorientierungen und beantwortet damit die Frage der Kulturpassung.
- Normativ und international validiert mit umfangreichen Kriteriumsstudien – im Executive-Kontext eines der am besten belegten Verfahren.
- Schwachpunkt im deutschen Markt: Entwicklung und Normbasis sind angloamerikanisch geprägt. Für deutschsprachige Kontexte ist die Prüfung der verwendeten Normgruppe essenziell.
HPI – die Alltagswirkung
Das Hogan Personality Inventory beschreibt, wie eine Person im normalen Arbeitsbetrieb wahrgenommen wird. Sieben Primärskalen decken dabei ein Spektrum ab, das sich weitgehend mit dem Big-Five-Modell überschneidet – mit einer charakteristischen Erweiterung.
Abb. 2: Die HPI-Skalen und ihr Verhältnis zum Big-Five-Modell.
Die charakteristische Erweiterung liegt in der Aufspaltung der Offenheitsdimension. Hogan trennt die Neugier auf Probleme und Ideen von der Bereitschaft zu formalem Lernen – zwei Facetten, die in der Praxis auseinanderfallen können. Eine Führungskraft kann hochgradig ideenoffen sein und trotzdem wenig Interesse an strukturierter Weiterbildung zeigen. Für Entwicklungsplanung ist diese Unterscheidung ausgesprochen brauchbar.
Ansonsten gilt: Das HPI allein liefert keine Information, die ein gutes Big-Five-Verfahren nicht auch liefern würde. Die Besonderheit der Hogan-Suite liegt nicht im HPI, sondern im nächsten Instrument.
HDS – was unter Druck kippt
Das Hogan Development Survey ist der eigentliche Grund, warum das Verfahren in der Führungsdiagnostik einen eigenen Platz hat. Es misst elf Verhaltensmuster, die im Normalbetrieb als Stärke erscheinen und unter anhaltendem Druck zur Belastung werden.
Die Grundidee ist so einfach wie unbequem: Führungskräfte scheitern selten an fehlender Kompetenz. Sie scheitern an Mustern, die sie ursprünglich erfolgreich gemacht haben und die unter Stress überdreht werden. Aus gesunder Skepsis wird Misstrauen. Aus Selbstvertrauen wird Selbstüberschätzung. Aus Sorgfalt wird Mikromanagement. Diese Übersteuerungen nennt Hogan Derailer – Entgleiser.
Abb. 3: Die elf Derailer und ihre Gruppierung nach Bewältigungsstrategie.
Wichtig für das Verständnis: Ein hoher Wert auf einer HDS-Skala ist keine Diagnose und kein Ausschlusskriterium. Er beschreibt eine Tendenz, die unter Belastung sichtbar wird – und die im Normalbetrieb oft genau die Stärke ist, für die jemand befördert wurde. Eine hohe Ausprägung auf Bold geht mit Präsenz und Entscheidungsmut einher; unter Dauerdruck kippt sie in Beratungsresistenz.
Der diagnostische Wert liegt deshalb weniger in der Selektion als in der Entwicklung. Wer seine eigenen Derailer kennt, kann sie im Moment ihres Auftretens erkennen und gegensteuern. In der Praxis ist das der wirksamste Beitrag, den ein Verfahren zur Führungsentwicklung leisten kann – wirksamer als jede weitere Stärkenbeschreibung. Anschlussfähig ist das an die Fragestellungen im Beitrag Persönlichkeitstest für Führungskräfte.
Abgrenzung zur klinischen Diagnostik
Die HDS-Skalen sind inhaltlich an Persönlichkeitsstile angelehnt, die auch in klinischen Klassifikationssystemen beschrieben werden. Sie sind aber ausdrücklich subklinisch konzipiert und messen normale Variation im Arbeitskontext. Ein HDS-Ergebnis ist keine psychiatrische Aussage und darf nicht als solche verwendet werden. Für klinische Fragestellungen sind approbierte Fachpersonen zuständig.
MVPI – Werte und Kulturpassung
Das Motives, Values, Preferences Inventory beschreibt zehn Wertorientierungen, die erklären, welche Umgebung eine Person als motivierend erlebt – und welche als zermürbend.
| Wertorientierung | Was die Person sucht | Passendes Umfeld |
|---|---|---|
| Anerkennung (Recognition) | Sichtbarkeit für die eigene Leistung | Kulturen mit offener Wertschätzung |
| Macht (Power) | Einfluss, Wettbewerb, Verantwortung | leistungs- und ergebnisorientiert |
| Genuss (Hedonism) | Lebendigkeit, Abwechslung, Spaß | informell, wenig hierarchisch |
| Fürsorge (Altruistic) | Beitrag zum Wohl anderer | sinn- und werteorientiert |
| Zugehörigkeit (Affiliation) | Kontakt, Zusammenarbeit | teamzentriert, viel Interaktion |
| Tradition (Tradition) | Beständigkeit, klare Prinzipien | etabliert, wertkonservativ |
| Sicherheit (Security) | Planbarkeit, Risikobegrenzung | stabil, strukturiert |
| Ökonomie (Commerce) | messbarer wirtschaftlicher Erfolg | kennzahlengetrieben |
| Ästhetik (Aesthetics) | Gestaltung, Qualität, Design | kreativ, produktverliebt |
| Wissenschaft (Science) | Analyse, Daten, Erklärung | faktenbasiert, forschungsnah |
Die MVPI-Perspektive beantwortet eine Frage, die weder HPI noch HDS beantworten können: Nicht ob jemand die Rolle ausfüllen kann, sondern ob er in dieser Organisation bleiben will. In der Besetzungspraxis ist das der häufigste Grund für frühe Trennungen – nicht mangelnde Leistung, sondern Wertkonflikt. Eine verwandte Perspektive mit anderer theoretischer Herkunft bieten die Karriereanker nach Edgar Schein und das Reiss Motivation Profile.
Hogan im Vergleich zu BIP und NEO-PI-R
| Kriterium | Hogan (HPI/HDS/MVPI) | BIP | NEO-PI-R |
|---|---|---|---|
| Messperspektive | Reputation, Außenwirkung | Berufsbezogene Selbstbeschreibung | Persönlichkeitsstruktur |
| Risikoseite erfasst | Ja, eigenes Instrument | Indirekt über Skalenmuster | Indirekt über Facetten |
| Werte- und Motivebene | Ja, eigenes Instrument | Teilweise | Nein |
| Normbasis | Überwiegend international | Deutschsprachig | Deutschsprachig verfügbar |
| Typischer Einsatz | Executive-Auswahl, Leadership-Audit | Fach- und Führungsauswahl | Karriereberatung, Coaching |
| Bearbeitungsdauer gesamt | 60–90 Min. für alle drei | ca. 45 Min. | 30–45 Min. |
| Rückmeldung | Zertifizierte Auswerter erforderlich | Zertifizierte Auswerter erforderlich | Qualifizierte Diagnostiker |
Die ehrliche Einordnung lautet: Für eine typische Fach- oder Führungsbesetzung im deutschen Mittelstand ist das BIP das praktikablere Instrument – deutschsprachig entwickelt, deutschsprachig normiert, mit Kontrollskalen und deutlich geringerem Aufwand. Hogan spielt seine Stärke dort aus, wo die Risikoseite und die Kulturpassung explizit Thema werden: bei Vorstands- und Geschäftsführungsbesetzungen, bei Leadership-Audits nach Übernahmen und bei Nachfolgeplanungen.
Wo Hogan im Prozess sinnvoll steht
Abb. 4: Sinnvolle Position der Diagnostik im Besetzungsprozess.
Die Positionierung am Ende des Prozesses hat zwei Gründe. Erstens ist der Aufwand hoch – drei Instrumente, ausführliche Rückmeldung, zertifizierte Auswertung. Zweitens beantwortet Hogan Fragen, die sich erst stellen, wenn fachliche Eignung und Track Record bereits geklärt sind. Als Vorfilter eingesetzt würde das Verfahren Kandidaten aussortieren, deren Risikoprofil in der konkreten Rolle möglicherweise gar nicht relevant wäre.
Weitere sinnvolle Einsatzfelder: Nachfolgeplanung, wo die Frage nach Entwicklungsfähigkeit zentral ist; Post-Merger-Integration, wo Wertkonflikte zwischen Führungsmannschaften sichtbar gemacht werden müssen; und Executive Coaching, wo das HDS-Profil einen konkreten Arbeitsgegenstand liefert. Für Besetzungsmandate in Automotive, Chemie und Maschinenbau arbeitet Bohlken Consulting mit genau diesem Aufbau.
Vier Einschränkungen, die man kennen sollte
- Normbasis. Die Instrumente wurden angloamerikanisch entwickelt. Für deutschsprachige Kandidaten ist die Frage entscheidend, welche Normgruppe der Auswertung zugrunde liegt – und ob sie zur Position und zum Kulturraum passt. Diese Frage sollten Sie jedem Anbieter stellen.
- Kein Selbstläufer. Ein HDS-Profil ohne kompetente Rückmeldung richtet Schaden an. Die Skalenbezeichnungen klingen wertend, und ohne Einordnung entstehen aus Tendenzen schnell Etiketten. Die Auswertung gehört ausschließlich in zertifizierte Hände.
- Reputation ist nicht Wahrheit. Die Stärke des Ansatzes ist zugleich seine Grenze: Gemessen wird, wie jemand wirkt. Wer über Jahre gelernt hat, eine bestimmte Außenwirkung zu erzeugen, bringt diese in den Fragebogen mit. Das strukturierte Interview bleibt unverzichtbar.
- Aufwand und Kosten. Für die meisten Besetzungen unterhalb der obersten Führungsebene steht der Aufwand nicht im Verhältnis zum Zusatznutzen gegenüber einem normierten deutschsprachigen Verfahren.
Was mich am HDS überzeugt hat, ist eine unbequeme Erfahrung aus 25 Jahren Besetzungspraxis: Die meisten Fehlbesetzungen auf Führungsebene waren keine Kompetenzfehler. Fachlich waren die Personen geeignet. Gescheitert sind sie an Mustern, die im Interview als Stärke erschienen und die unter der Belastung der neuen Rolle überdreht haben.
Deshalb ist meine wichtigste Regel beim Einsatz: Ein hoher Derailer-Wert ist kein Ausschlusskriterium. Er ist eine Frage an das Onboarding. Wie sieht die ersten hundert Tage aus, wenn wir wissen, dass diese Person unter Druck zu Mikromanagement neigt? Ein Verfahren, das diese Frage stellbar macht, ist mehr wert als eines, das nur Stärken bestätigt.
Jan BohlkenDiplom-Sozioökonom · Gründer Profiling Institut & Bohlken Consulting · DIN-33430-Diagnostiker · 25 Jahre Headhunting in Automotive, Chemie und Maschinenbau
Häufige Fragen zu Hogan Assessments
Führungsdiagnostik, die auch die Risikoseite benennt
Ob Nachfolgeplanung, Leadership-Audit oder Standortbestimmung vor dem nächsten Schritt: Wir wählen das Verfahren nach Ihrer Fragestellung – und sagen Ihnen, wenn ein einfacheres Instrument ausreicht. Das Erstgespräch ist kostenlos.
Vertiefung im Persönlichkeitstest-Cluster
Persönlichkeitstest – die Übersicht
Kostenloser Big-Five-Test, alle Verfahren, Theorien und Anwendungsfelder auf einer Seite.
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Das deutschsprachige Pendant: 14 berufsbezogene Skalen mit Kontrollmechanismen.
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Zum Recruiting → RechtslageDarf der Arbeitgeber das verlangen?
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Objektivität, Reliabilität, Validität und Normierung als Prüfsteine jeder Diagnostik.
Zu den Gütekriterien → ÜbersichtAlle Testverfahren
Elf Verfahren, sortiert nach dem, was sie tatsächlich leisten – mit ehrlicher Einordnung.
Zur Übersicht →Quellen
- Hogan, R., & Hogan, J. (2007). Hogan Personality Inventory Manual (3. Aufl.). Hogan Assessment Systems.
- Hogan, R., & Hogan, J. (2009). Hogan Development Survey Manual (2. Aufl.). Hogan Assessment Systems.
- Hogan, R., Curphy, G. J., & Hogan, J. (1994). What we know about leadership. American Psychologist, 49(6), 493–504.
- Hogan, J., Hogan, R., & Kaiser, R. B. (2010). Management derailment. In S. Zedeck (Hrsg.), APA Handbook of Industrial and Organizational Psychology.
- Schmidt, F. L., & Hunter, J. E. (2016). The Validity and Utility of Selection Methods in Personnel Psychology. Working Paper.
- DIN Deutsches Institut für Normung (Hrsg.). DIN 33430: Anforderungen an Verfahren und deren Einsatz bei berufsbezogenen Eignungsbeurteilungen.