Das Anschreiben war jahrzehntelang das Dokument, an dem sich Motivation und Sprachgefühl ablesen ließen. Diese Zeit ist vorbei: 67 Prozent der Bewerberinnen und Bewerber in Deutschland setzen inzwischen KI im Bewerbungsprozess ein, 42 Prozent davon zur Optimierung des Anschreibens. Das zeigt die Talent-Trends-Erhebung vom Mai 2026 mit rund 3.000 Befragten in Deutschland.
Das Wichtigste in Kürze
| Kurzfassung | 67 Prozent der Bewerber nutzen KI, 42 Prozent fürs Anschreiben. Warum das Anschreiben an Wert verliert und was im Auswahlverfahren an seine Stelle tritt. |
|---|---|
| Themenbereich | Bildung und Beruf, Digitalisierung, Karriere |
| Veröffentlicht | 19. Oktober 2026 |
| Autor | Jan Bohlken, Diplom-Sozioökonom, Geschäftsführer des Profiling Instituts |
| Passende Leistung des Instituts | Potenzialanalyse ab 500 Euro, wissenschaftlich fundierte Diagnostik |
| Herausgeber | Profiling Institut, Eignungsdiagnostik nach wissenschaftlichen Standards, sieben Standorte in Deutschland |

Wofür KI eingesetzt wird
Die Erhebung nennt vier Hauptanwendungen: Anschreiben optimieren (42 Prozent), Lebenslauf anpassen (33 Prozent), eigene Stärken besser darstellen (32 Prozent) und Unternehmen oder Rollen recherchieren (32 Prozent). Eine zweite Untersuchung vom Juni 2026 unter rund 7.000 Bewerbern kommt auf eine ähnliche Größenordnung: Dort geben 43,2 Prozent an, KI für das Anschreiben zu nutzen – gut dreimal so viele wie im Frühjahr 2023. Die Skepsis gegenüber solchen Werkzeugen ist im selben Zeitraum von 50,7 auf 26,5 Prozent gefallen.
Beide Studien stammen von Personaldienstleistern und messen Selbstauskünfte. Die absolute Höhe ist deshalb mit Vorsicht zu lesen. Die Richtung ist trotzdem eindeutig, und sie deckt sich mit dem, was Personalverantwortliche berichten: Die Unterlagen werden sprachlich besser und untereinander ähnlicher.
Was das für Bewerberinnen und Bewerber bedeutet
Das Anschreiben verliert an Gewicht – nicht an Bedeutung
Wenn zwei Drittel aller Anschreiben KI-unterstützt entstehen, sinkt ihr Wert als Unterscheidungsmerkmal. Was bleibt, ist der Inhalt: konkrete Situationen, Zahlen, Ergebnisse. Ein Satz wie „Ich habe die Reklamationsquote in meinem Bereich von 4,1 auf 2,3 Prozent gesenkt“ überlebt jede Textoptimierung, weil ihn kein Sprachmodell erfinden kann. Formulierungen wie „hohe Einsatzbereitschaft und ausgeprägte Teamfähigkeit“ dagegen sind heute reines Füllmaterial.
Der Lebenslauf wird wichtiger, nicht unwichtiger
Je austauschbarer die Texte, desto stärker entscheiden Struktur und Belegbarkeit. Dazu kommt die technische Seite: Ein erheblicher Teil der Unterlagen läuft zuerst durch ein Bewerbermanagementsystem. Ob Ihr Lebenslauf dort sauber ausgelesen wird, können Sie mit unserem ATS-Lebenslauf-Generator in wenigen Minuten prüfen. Die Grundlagen dazu stehen in unserem Leitfaden zur Bewerbung.
Das Gespräch entscheidet stärker als früher
Wenn Unterlagen weniger differenzieren, verschiebt sich das Gewicht ins Interview. Wer sein Anschreiben nicht selbst geschrieben hat, merkt das spätestens bei der Nachfrage „Erzählen Sie mir mehr zu dem Projekt, das Sie erwähnt haben.“ Üben lässt sich das: Unser Interview-Simulator stellt 25 typische Fragen und gibt strukturiertes Feedback – regelbasiert, ohne Sprachmodell, mit offengelegter Bewertungslogik.
Die Perspektive der Unternehmen
Für Arbeitgeber stellt sich die Frage anders: Wenn schriftliche Unterlagen als Auswahlsignal an Wert verlieren, was tritt an ihre Stelle? Die eignungsdiagnostische Antwort ist unbequem, aber alt und gut belegt: strukturierte Interviews, arbeitsprobenähnliche Aufgaben und validierte Testverfahren sagen den Berufserfolg deutlich besser vorher als Anschreiben und Bauchgefühl. Die DIN 33430 beschreibt genau dafür die Anforderungen an berufsbezogene Eignungsbeurteilungen.
Wer als Bewerber auf ein solches Verfahren trifft, sollte das eher als gutes Zeichen lesen: Es bedeutet, dass nicht die beste Formulierung gewinnt, sondern die beste Passung. Woran Sie ein professionell geführtes Auswahlverfahren erkennen, haben wir im Beitrag zu den typischen Fehlern im Vorstellungsgespräch beschrieben – dort auch die Beurteilungsfehler, die auf der anderen Seite des Tisches passieren.
Drei Regeln für den eigenen KI-Einsatz
- Substanz zuerst. Sammeln Sie Ihre Beispiele, Zahlen und Ergebnisse, bevor Sie ein Werkzeug öffnen. KI formuliert gut, erfindet aber keine Belege – und geraten Erfindungen ins Gespräch, kostet das die Stelle.
- Fakten prüfen. Firmennamen, Produkte, Zuständigkeiten: Genau hier entstehen die peinlichsten Fehler, weil Modelle plausibel klingende Details ergänzen.
- Die eigene Stimme behalten. Wenn Sie Ihren Text nicht laut vorlesen können, ohne zu stolpern, ist er nicht Ihrer – und im Gespräch fällt genau das auf.
Und wenn die eigentliche Frage nicht die Formulierung ist, sondern die Richtung: Der kostenlose Berufswahltest gibt einen ersten Anhaltspunkt, die Orientierungsberatung die belastbare Antwort.
Quellen
- Michael Page: Talent Trends 2026, veröffentlicht am 19.05.2026 (rund 3.000 Befragte in Deutschland)
- softgarden: KI trifft Recruiting 2026, veröffentlicht am 30.06.2026 (rund 7.000 Befragte)
Hinweis zur Abbildung: Die Grafik in diesem Beitrag wurde KI-generiert. Die dargestellten Anteile stammen unverändert aus der genannten Erhebung.


