Ist Persönlichkeit angeboren – oder wird man, wer man ist? Eine Studie in der Fachzeitschrift Nature liefert dazu die bisher umfangreichsten genetischen Daten. Ein internationales Forschungskonsortium hat das Erbgut von bis zu 1,14 Millionen Menschen mit ihren Werten in den fünf großen Persönlichkeitsmerkmalen abgeglichen. Das Ergebnis ist doppelt interessant: Die Forschenden finden so viele Genorte wie nie zuvor – und trotzdem erklären die häufigen Genvarianten nur einen kleinen Teil der Unterschiede zwischen Menschen.
Das Wichtigste in Kürze
| Kurzfassung | Größte Big-Five-Genstudie (Nature 2026, 1,14 Mio. Menschen): Häufige Genvarianten erklären nur 5 bis 13 Prozent. Was das über Veränderbarkeit und Persönlichkeitstests sagt. |
|---|---|
| Themenbereich | Beruf, Karriere, Personalauswahl |
| Veröffentlicht | 28. September 2026 |
| Autor | Jan Bohlken, Diplom-Sozioökonom, Geschäftsführer des Profiling Instituts |
| Passende Leistung des Instituts | Potenzialanalyse ab 500 Euro, Diagnostik nach DIN 33430 |
| Herausgeber | Profiling Institut, Eignungsdiagnostik nach DIN 33430, sieben Standorte in Deutschland |

Die Studie in Kürze
Die Arbeit „Robust inference and correlates from genetic associations with personality“ erschien am 2. September 2026. Verantwortlich ist das Revived Genomics of Personality Consortium um Ted Schwaba (Michigan State University). Ausgewertet wurden 46 Kohorten, darunter die UK Biobank, das Million Veteran Program, das Niederländische Zwillingsregister und die Estnische Biobank. Je nach Merkmal flossen zwischen 611.000 und rund 1,14 Millionen Personen ein. Untersucht wurden die fünf Dimensionen des Big-Five-Modells: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus.
- 1.260 Genorte hängen mit mindestens einem Merkmal zusammen, 824 davon waren bisher unbekannt. Die meisten entfallen auf Neurotizismus (706), die wenigsten auf Verträglichkeit (39).
- 4,8 bis 9,3 Prozent der Unterschiede erklären die häufigen Genvarianten, je nach Merkmal. Rechnet man die Messungenauigkeit der Fragebögen heraus, liegt der Anteil bei 9,3 bis 13,3 Prozent.
- Stabil über Kontexte: Die genetischen Zusammenhänge sind über Länder, Altersgruppen, Testverfahren und Selbst- oder Fremdeinschätzung hinweg sehr ähnlich, wenn auch nicht identisch.
- Kaum Familieneffekt: Vergleicht man Geschwister, bleiben 96 Prozent der Vorhersagekraft erhalten. Die Befunde sind also nicht durch gemeinsames Aufwachsen verzerrt.
Warum Zwillingsstudien höhere Zahlen zeigen
Klassische Zwillings- und Familienstudien kommen für die Big Five auf eine Erblichkeit von etwa 40 bis 60 Prozent. Die neue Studie widerspricht dem nicht. Sie misst etwas anderes: nur den Anteil, der auf häufige Genvarianten zurückgeht. Seltene Varianten und das Zusammenspiel vieler Gene erfasst sie nicht. Die Lücke zwischen beiden Zahlen ist in der Verhaltensgenetik bekannt und für nahezu alle psychologischen Merkmale ähnlich.
Für die Praxis entscheidend ist ein anderer Punkt: Auch eine Erblichkeit von 50 Prozent bedeutet nicht, dass die Hälfte der Persönlichkeit festgelegt ist. Erblichkeit beschreibt, wie stark Unterschiede zwischen Menschen in einer bestimmten Population mit genetischen Unterschieden zusammenhängen. Sie sagt nichts darüber, wie stark sich ein einzelner Mensch verändern kann. Die Edinburgher Psychologin Jasmin Wertz formulierte es gegenüber PsyPost so: Viele verstünden genetische Einflüsse fälschlich so, als sei etwas „in Stein gemeißelt“.
Persönlichkeit verändert sich – nachweislich
Dass Persönlichkeit veränderbar ist, gehört zu den besser belegten Befunden der Psychologie. Eine Metaanalyse von Brent Roberts und Kollegen über 92 Längsschnittstudien (Psychological Bulletin, 2006) zeigt: Zwischen 20 und 40 Jahren verändern sich Menschen am stärksten. Gewissenhaftigkeit, emotionale Stabilität und soziale Dominanz nehmen im Durchschnitt zu, Verträglichkeit steigt eher im mittleren und höheren Alter. Eine spätere Übersichtsarbeit über 207 Interventionsstudien (Roberts et al., 2017) fand, dass sich vor allem die emotionale Stabilität durch gezielte Maßnahmen messbar verbessert – und dass diese Veränderungen in Nachbeobachtungen anhielten.
Beide Befunde passen zusammen: Gene setzen einen Rahmen, innerhalb dessen Erfahrung, Rollen und bewusste Arbeit an sich selbst viel bewegen. Wer mit 25 eher unstrukturiert ist, muss das mit 35 nicht mehr sein.
Was das für Persönlichkeitstests bedeutet
- Ein Testergebnis ist eine Momentaufnahme. Seriöse Verfahren wie der NEO-PI-R messen stabile Tendenzen, aber keine unveränderlichen Eigenschaften. Ein Ergebnis von heute beschreibt, wo jemand steht, nicht, wo er stehen bleiben muss.
- Typen greifen zu kurz. Die Studie arbeitet mit fünf durchgehenden Dimensionen, nicht mit Schubladen. Das ist ein weiteres Argument für dimensionale Modelle gegenüber Typologien wie dem MBTI. Warum, erläutern wir unter Kritik an Persönlichkeitstests.
- Kein Gentest ersetzt einen Persönlichkeitstest. Mit unter 15 Prozent erklärter Varianz lässt sich aus dem Erbgut über einzelne Menschen praktisch nichts vorhersagen. Wer wissen will, wie jemand tickt, muss ihn weiterhin fragen und beobachten.
- Neurotizismus ist ein Gesundheitsthema. Die Studie findet eine deutliche genetische Überlappung zwischen Neurotizismus und psychischen Belastungen wie Angst und Depression. Umso wichtiger ist es, emotionale Stabilität als veränderbar zu begreifen, etwa durch gezieltes Arbeiten an Resilienz.
Einen ersten Eindruck vom eigenen Profil gibt Ihnen unser Persönlichkeitstest. Für berufliche Entscheidungen setzen wir in der Potenzialanalyse für Erwachsene normierte Verfahren nach DIN 33430 ein und besprechen die Ergebnisse ausführlich – als Standortbestimmung, nicht als Urteil.
Quellen
- Schwaba, T., Clapp Sullivan, M. L., Akingbuwa, W. A. et al.: „Robust inference and correlates from genetic associations with personality“, Nature, 02.09.2026, DOI 10.1038/s41586-026-10992-9 – nature.com
- PsyPost: Bericht zur Studie mit Einordnung von Jasmin Wertz, 15.09.2026 – psypost.org
- Roberts, B. W., Walton, K. E., Viechtbauer, W.: Patterns of mean-level change in personality traits across the life course, Psychological Bulletin 132(1), 2006
- Roberts, B. W. et al.: A systematic review of personality trait change through intervention, Psychological Bulletin, 2017, DOI 10.1037/bul0000088
Hinweis zur Abbildung: Die Grafik in diesem Beitrag wurde KI-generiert.


