Lehramt studieren: Die Schülerzahlen kippen früher als gedacht

Veröffentlicht am 25. September 2026

Lehramt gilt als krisensicher. Der Mangel an Lehrkräften ist seit Jahren Dauerthema, die Einstellungschancen sind in vielen Ländern gut. Eine neue Vorausberechnung der Kultusministerkonferenz verschiebt diese Perspektive – nicht für heute, aber für genau den Zeitraum, in dem die heutigen Studienanfängerinnen und Studienanfänger im Beruf ankommen.

Auf einen Blick

Das Wichtigste in Kürze

KurzfassungDie KMK zieht den Höhepunkt der Schülerzahlen auf 2029 vor, bis 2040 minus 6,2 Prozent. Was das für Lehramtsstudium, Schulform und Fächerwahl bedeutet.
ThemenbereichArbeitsmarkt, Berufswahl, Bildung und Beruf
Veröffentlicht25. September 2026
AutorJan Bohlken, Diplom-Sozioökonom, Geschäftsführer des Profiling Instituts
Passende Leistung des Institutsprivate Berufsberatung, 1.400 Euro für Schüler und Abiturienten, ab 900 Euro für Berufstätige
HerausgeberProfiling Institut, Eignungsdiagnostik nach DIN 33430, sieben Standorte in Deutschland
Balkengrafik: Rückgang der Schülerzahlen bis 2040, insgesamt minus 6,2 Prozent, Primarstufe minus 14,8 Prozent, ostdeutsche Flächenländer minus 21 Prozent, westdeutsche Flächenländer minus 3,6 Prozent
Rückgang der Schülerzahlen bis 2040 nach Stufe und Region. Grafik: KI-generiert.

Was die KMK am 18. September vorgelegt hat

Die Kultusministerkonferenz hat ihre Vorausberechnung der Zahl der Schülerinnen und Schüler und der Absolvierenden 2025 bis 2040 aktualisiert (Dokumentation Nr. 251). Die Kernzahlen:

  • 2025: rund 11,27 Millionen Schülerinnen und Schüler.
  • Höhepunkt 2029: rund 11,54 Millionen – danach geht es abwärts.
  • 2040: rund 10,58 Millionen. Das sind 694.000 weniger als 2025, ein Minus von 6,2 Prozent.

Ursache ist kein Sondereffekt, sondern die Geburtenentwicklung. 2025 wurden in Deutschland 654.300 Kinder geboren, 3,4 Prozent weniger als im Vorjahr und so wenige wie zuletzt 1946. Wer 2025 nicht geboren wurde, fehlt ab 2031 in der Grundschule und ab 2035 in der Sekundarstufe. Diese Rechnung ist belastbarer als fast jede andere Arbeitsmarktprognose: Die Kinder, um die es geht, sind bereits auf der Welt – oder eben nicht.

Der Knick kommt drei Jahre früher als bisher angenommen

Die eigentliche Nachricht steckt im Vergleich mit der Vorjahresberechnung. Die Dokumentation Nr. 246 vom November 2025 sah den Scheitelpunkt noch 2032 bei knapp 11,8 Millionen. Jetzt liegt er 2029 bei 11,54 Millionen. Für die Primarstufe wurde der Rückgang bis 2040 von 9,2 auf 14,8 Prozent nach oben korrigiert.

Innerhalb eines Jahres hat sich die Prognose also um drei Jahre und mehrere Hunderttausend Schülerinnen und Schüler verschoben. Das ist weniger ein Argument gegen das Lehramt als eine Erinnerung daran, wie schnell sich Bedarfsprognosen ändern – auch die neue.

Die Schulstufen laufen zeitversetzt

Für die Studienwahl ist der Durchschnittswert wenig wert, weil sich die Stufen völlig unterschiedlich entwickeln:

  • Primarstufe: minus 14,8 Prozent bis 2040. Der Rückgang setzt hier zuerst ein.
  • Sekundarstufe I: zunächst ein Plus von 8,3 Prozent bis 2031, danach minus 6,3 Prozent bis 2040.
  • Sekundarstufe II und berufliche Schulen: wachsen am längsten, der Höchststand wird erst um 2035 erwartet.

Rechnen Sie das gegen Ihren eigenen Zeitplan: Lehramtsstudium und Vorbereitungsdienst dauern zusammen rund sechs bis siebeneinhalb Jahre. Wer zum Wintersemester 2026/27 anfängt, steht also etwa 2033 oder 2034 vor der ersten festen Stelle – und bleibt dann 35 bis 40 Jahre im Beruf.

Daraus folgt kein Abraten, sondern eine Reihenfolge: Ein Einstieg ins Grundschullehramt trifft ab Mitte der 2030er auf spürbar kleinere Jahrgänge. Sekundarstufe I erwischt die Trendwende etwa zum Berufseinstieg. Sekundarstufe II, Sonderpädagogik und berufsbildende Schulen haben den längeren Vorlauf – und in den beiden letztgenannten Bereichen ist der Mangel ohnehin am größten.

Regional geht die Schere weit auseinander

Der Bundesdurchschnitt verdeckt erhebliche Unterschiede:

  • Ostdeutsche Flächenländer: minus 21 Prozent bis 2040.
  • Westdeutsche Flächenländer: zunächst plus 3,4 Prozent bis 2029, bis 2040 dann minus 3,6 Prozent.
  • Stadtstaaten: minus 5,3 Prozent.

Wer mobil ist, hat damit deutlich mehr Spielraum als jemand, der sich früh auf eine Region festlegt. Für ein Lehramtsstudium ist die Frage, in welchem Bundesland Sie später unterrichten wollen, inzwischen fast so wichtig wie die Fächerwahl – zumal die Lehrämter zwischen den Ländern nicht durchgängig gleich zugeschnitten sind.

Kurzfristig bleibt der Mangel bestehen

Nichts davon ändert etwas an der Lage im laufenden Schuljahr. In Baden-Württemberg waren zum Schuljahresbeginn 2026/27 nach Angaben des Kultusministeriums 426 von rund 5.473 Stellen unbesetzt, davon etwa 320 Fachlehrkräfte. In Bayern nennt das Kultusministerium die Versorgung „stabil“ bei gleichzeitig angespannter Lage – Lehrerverbände widersprechen dieser Einschätzung regelmäßig.

Die beiden Befunde stehen nicht im Widerspruch zueinander. Kurzfristig fehlen Lehrkräfte, weil die geburtenstarken Jahrgänge der Lehrerschaft in den Ruhestand gehen und die Schülerzahlen bis 2029 noch steigen. Mittelfristig entspannt sich die Nachfrageseite. Beides gleichzeitig zu sehen, ist die eigentliche Aufgabe bei der Entscheidung. Wie sich der Bedarf über die Jahre entwickelt hat, zeigen wir ausführlich im Beitrag zum Lehrkräftemangel in Deutschland und in unserer älteren Prognose des Lehrkräfteangebotes.

Was wir Ratsuchenden dazu raten

Eine Prognose ersetzt keine Entscheidung. Aus unserer Beratungspraxis heraus sind drei Punkte wichtiger als die Zahlen selbst:

  • Passung vor Arbeitsmarkt. Wer den Beruf aus Überzeugung wählt, hält die Belastung aus und wechselt seltener. Wer ihn primär wegen der Sicherheit wählt, verliert genau dieses Argument, wenn die Prognose sich dreht – wie gerade geschehen.
  • Fächer und Schulform sind der eigentliche Hebel. Mangelfächer wie Mathematik, Physik, Informatik und die beruflichen Fachrichtungen bleiben auch in schrumpfenden Jahrgängen gefragt. Das Gleiche gilt für Sonderpädagogik.
  • Zweitweg offenhalten. Ein Lehramtsstudium bindet früh fest. Wer sich das offenhalten möchte, sollte prüfen, ob in seinem Bundesland ein polyvalenter Bachelor oder ein Fachbachelor mit späterem Wechsel ins Lehramt möglich ist.

Wie Sie zu dieser Einschätzung kommen, ist keine Geschmacksfrage. Einen ersten Eindruck geben unser kostenloser Studienwahltest und der Berufswahltest. Für eine belastbare Einschätzung arbeiten wir in der Studienberatung mit Verfahren nach DIN 33430 – also mit Instrumenten, deren Güte wissenschaftlich nachgewiesen ist. Wer bereits im Beruf steht und über den Quereinstieg ins Lehramt nachdenkt, findet dort die Bedingungen der einzelnen Länder.

Einordnung der Quelle

Die Vorausberechnung stammt vom Sekretariat der Kultusministerkonferenz und beruht auf der Bevölkerungsvorausberechnung sowie den Schulstatistiken der Länder. Sie ist eine Status-quo-Rechnung: Bildungsverhalten, Übergangsquoten und Zuwanderung werden weitgehend fortgeschrieben. Änderungen bei der Migration oder bei den Schulstrukturen können das Bild verschieben – die Korrektur gegenüber dem Vorjahr zeigt, wie stark.

Wichtig für die Einordnung: Die Dokumentation Nr. 251 berechnet Schüler- und Absolventenzahlen, keinen Lehrkräftebedarf. Eine daraus abgeleitete Bedarfszahl wäre unsere Interpretation, nicht die Aussage der KMK. Zu beachten ist außerdem, dass die KMK-Abgrenzung von der des Statistischen Bundesamtes abweicht, das für 2025/26 rund 11,5 Millionen Schülerinnen und Schüler ausweist und dabei unter anderem Schulen des Gesundheitswesens einbezieht.

Quellen

  • Kultusministerkonferenz: „Schülerzahlen: Demografischer Wandel erreicht die Schulen früher“, Meldung vom 18.09.2026, sowie Dokumentation Nr. 251 – kmk.org
  • Kultusministerkonferenz: Dokumentation Nr. 246, Vorausberechnung 2024–2040, November 2025
  • Statistisches Bundesamt: Pressemitteilung Nr. 146 vom 28.04.2026, Geburtenzahl 2025 – destatis.de
  • Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg: Pressemitteilung vom 10.09.2026 zur Stellenbesetzung zum Schuljahresbeginn

Hinweis zur Abbildung: Die Grafik in diesem Beitrag wurde KI-generiert. Die dargestellten Werte stammen unverändert aus der genannten Veröffentlichung.

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