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Das CHE hat im Rahmen ihres Brennpunkts zum Thema Digitalisierung ein Diskussionspapier veröffentlicht, das sich mit der Digitalisierung der Hochschulen beschäftigt. In diesem Zusammenhang haben die Autor*innen neun Mythen identifiziert, die sich im Rahmen der digitalen Hochschuldbildung hartnäckig halten. Im Folgenden werden diese Mythen benannt und diskursiv eingeordnet.

Die neun Mythen

Die neun Mythen belaufen sich auf die erwarteten beziehungsweise befürchteten Folgen der Digitalisierung der Hochschulen. Sie lauten wie folgt:

  1. Ein Großteil der Hochschulen wird aussterben
  2. Die Präsenzlehre soll abgeschafft werden
  3. Digitalisierung macht Lehrende überflüssig 
  4. Digitale Lehre ist nicht auf das Lehrdeputat anrechenbar
  5. Digitalisierung schränkt die Freiheit der Lehre ein 
  6. Digital Natives verfügen über digitale Kompetenzen qua Geburt und müssen diese nicht erlernen
  7. Diskursive Formate sind digital nicht möglich
  8. Digitalkenntnisse sind wichtiger als didaktische Fähigkeiten
  9. Digitalisierung ist ein Sparmodell

 

Digitalisierung der Hochschulen – Mythos 1

Der Mythos, dass der Großteil der Hochschulen aufgrund ihrer Ersetzbarkeit durch digitale Lehrangebote aussterben werden, erweist sich als mehr als unwahrscheinlich. Denn der Campus wird als Ort des Austauschs, des gemeinsamen Lernens und der Begegnung verstanden. Somit dienen Hochschulen, abseits der reinen Wissensvermittlung, die ihrerseits auch durch digitale Lehrformate leistbar ist, der Persönlichkeitsentwicklung und dem kommunikativen Austausch.

Digitalisierung der Hochschulen – Mythos 2

Die Befürchtung der Abschaffung der Präsenzlehre erweist sich ebenfalls als haltlos. Denn auch wenn digitale Lehrformate die Studierenden oftmals effizient erreichen können und die Corona-Semester bewiesen haben, dass eine digitale Lehre grundsätzlich möglich ist, heißt das nicht, dass die Präsenzlehre obsolet geworden ist. So hat die Präsenzlehre gegenüber der reinen digitalen Lehre den Vorteil des direkten Austauschs und der persönlichen Begegnung.

Viel wichtiger als die Frage nach dem Vorrang von digitaler Lehre oder Präsenzlehre, ist somit die Frage nach der langfristig wertvollen Kombination der beiden Lehrformate. Denn die Nutzung beider Modelle kann sich für Hochschulen als äußerst produktiv erweisen.

Digitalisierung der Hochschulen – Mythos 3

Der dritte Mythos befasst sich mit dem Gedanken, dass die Digitalisierung Lehrende überflüssig machen würde. Aber anstatt davon auszugehen, dass digitale Tools die klassische Lehre ersetzen, kann man verstärkt von einer Verschiebung der Rolle der Lehrenden ausgehen. Bei dem klugen Einsatz von digitaler Methodik, können sich Lehrende weniger auf die Wissensvermittlung und mehr auf die Begleitung der Studierenden konzentrieren. Es könnte somit im Rahmen der Digitalisierung der Hochschulen zu einer Verschiebung der Rolle der Lehrenden von klassischen Wissensvermittler*innen hin zu Lernprozessberatenden oder Lerncoaches stattfinden. Allerdings ist bei weitem nicht davon auszugehen, dass Lehrende an sich redundant werden.

Digitalisierung der Hochschulen – Mythos 4

Bei der Befürchtung, dass die digitale Lehre nicht auf das Lehrdeputat von Hochschulpersonal angerechnet werden kann, handelt es sich ebenfalls um einen fehlgeleiteten Glaubenssatz. Digitale Lehrformate sind vielmehr durch die meisten Verordnungen der Bundesländer formal anrechenbar, auch wenn es keine bundesweite Einigkeit im Hinblick auf die konkrete Definition digitaler Lehre gibt. Da die Kompetenz im Hinblick auf die endgültigen Anrechnungsregeln letztlich bei den Hochschulen selbst liegt, kann es allerdings zu einem erheblichen Verwaltungsaufwand kommen.

Digitalisierung der Hochschulen – Mythos 5

Es gibt zudem die Vermutung, dass die Digitalisierung die grundgesetzlich geschützte Freiheit der Lehre einschränkt. Diese Vermutung wäre insofern richtig, als dass Lehrende in Form einer top-down-Anordnung gezwungen würden, digitale Methoden und Instrumente anzuwenden. Mit Ausnahme des Falles bei einer Anstellung in einer Fernhochschule (hier geht es aufgrund der speziellen Hochschulform nicht gegen die Freiheit der Lehre, wenn einzelne Lehrende nicht auf Präsenzunterricht bestehen dürfen), kann das Lehrpersonal nicht gezwungen werden digitale Methoden oder Instrumente bei der Lehre anzuwenden.

Digitale Lehrmethoden sollten entgegen des vierten Mythos vielmehr als ein Zugewinn für die Freiheit der Lehre betrachtet werden. Denn durch die Möglichkeiten der Digitalisierung erweitert sich der Gestaltungsspielraum der Lehre im Hochschulkontext.

Digitalisierung der Hochschulen – Mythos 6

Dass junge Menschen als Digital Natives digitale Kompetenzen nicht mehr erlernen müssen, erweist sich ebenfalls als ein Mythos. Denn nur weil Personen im Alter von 24-37 Jahren durchschnittlich mehr  – und dabei vor allem die sozialen – Medien nutzen, als Personen, die älter als 37 Jahre sind, heißt das nicht, dass sie deshalb über weitreichende digitale Kompetenzen verfügen.

Digitalisierung der Hochschulen – Mythos 7

Ein weiterer Mythos sieht in der digitalen Lehre eine Förderung von monologisierender Wissensvermittlung in Form von Frontalunterricht, bei der sich aktives Zuhören als schwierig erweist. Damit nimmt Mythos sieben an, dass diskursive Formate digital nicht möglich sind. Wenn man sich jedoch mit der Bandbreite an digitalen Tools näher beschäftigt, scheint es unschlüssig, dass Lehrformate in denen diskutiert wird im digitalen Raum per se nicht umsetzbar sein sollen.

Allerdings muss man diesem Mythos zugestehen, dass eine 1-zu-1 Übertragung einer Diskussion im Seminarraum in den digitalen Raum wohl tatsächlich nicht leistbar ist. Denn in Videokonferenzen geht wohl immer ein Stück verbaler Kommunikation verloren, wenn man an eine hitzige Diskussion denkt, bei der sich Stimmen überschneiden und es eine Reihe von nonverbalen Signalen gibt.

Dennoch ist die Annahme, dass diskursive Formate im digitalen Raum generell nicht möglich sind falsch. Digitale diskursive Formate sind nur eben anders. Sie bieten allerdings auch eine Reihe neuer Chancen. Etwa für Studierende, die sich in Live-Diskussionen aufgrund von Schüchternheit o.Ä. nicht häufig aktiv beteiligen. Es kann insgesamt in Online-Diskussionsformaten zu neuen Dynamiken kommen, die zwar eine Veränderung aber nicht zwingend eine Verschlechterung darstellen müssen.

Digitalisierung der Hochschulen – Mythos 8

Bei Einschätzung des Digitalisierungsprozess kommt zudem öfters der Gedanke auf, dass Digitalkenntnisse wichtiger seien als didaktische Fähigkeiten. Aber auch das erweist sich als ein vom CHE identifizierter Mythos. Denn die Digitalisierung an Hochschulen muss beide Fähigkeiten im Blick haben, um zu gelingen. Wichtig herauszustellen ist dabei, dass der Einsatz digitaler Medien nie zum Selbstzweck werden sollte. Vielmehr sollten digitale Medien immer nur dann bewusst eingesetzt werden, wenn ihr Einsatz für das Erreichen konkreter didaktischer Ziele als sinnvoll erachtet werden kann.

Digitalisierung der Hochschulen – Mythos 9

Digitalisierung wird oftmals mit einem Sparprogramm gleichgesetzt. Dahinter stehen die Befürchtungen von Stellenstreichungen und Abschaffung von Hochschulen. Allerdings kann nicht davon die Rede sein, dass die Digitalisierung alles schneller und einfacher machen würde. Denn Folgen der Digitalisierung sind eben auch komplexe neue Strukturen und Prozesse, die eben auch finanzielle Ressourcen benötigen um eine Weiterentwicklung von Studium und Lehre voranzutreiben.

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Über den Autor Lisa Schraets

Social Media Manager Profiling Institut