Berufsorientierung: Warum ein Kompass mehr hilft als ein Berufekatalog

Veröffentlicht am 29. September 2026

Berufsorientierung in Deutschland ist gut ausgestattet: Berufemessen, Praktikumswochen, Interessenbögen, Datenbanken mit mehreren hundert Ausbildungsberufen und über 20.000 Studiengängen. Trotzdem sagen viele Jugendliche am Ende der Schulzeit, sie wüssten nicht, was sie wollen. Der Wirtschaftspsychologe Jens Nachtwei hat dafür eine unbequeme Erklärung: Berufswahl sei kein Informationsproblem – und deshalb helfe mehr Information auch nicht weiter.

Auf einen Blick

Das Wichtigste in Kürze

KurzfassungBerufswahl ist kein Informationsproblem. Sechs Kompetenzen, vier Fragen an Jugendliche und was Eignungsdiagnostik nach DIN 33430 dazu beiträgt.
ThemenbereichBerufsberatung, Berufsorientierung, Berufswahl
Veröffentlicht29. September 2026
AutorJan Bohlken, Diplom-Sozioökonom, Geschäftsführer des Profiling Instituts
Passende Leistung des Institutsprivate Berufsberatung, 1.400 Euro für Schüler und Abiturienten, ab 900 Euro für Berufstätige
HerausgeberProfiling Institut, Eignungsdiagnostik nach DIN 33430, sieben Standorte in Deutschland
Grafik mit vier Leitsätzen zur Berufsorientierung: Stärken vor Branchenlogik, Lernen lernen, Technik verstehen, Unsicherheit aushalten
Vier Leitsätze für eine Berufsorientierung, die trägt. Grafik: KI-generiert.

Die These: Katalog schlägt nicht Kompass

In einem Gastbeitrag auf bildungsklick.de vom 10. September 2026 argumentiert Nachtwei, die Berufsorientierung behandle Unentschiedenheit als Defizit, das sich durch bessere Informationen beheben lasse. Tatsächlich sei Unentschiedenheit häufig eine angemessene Reaktion auf einen Arbeitsmarkt, in dem sich Berufsbilder schneller ändern als die Broschüren dazu. Berufslisten, Stärkenbögen und Messebesuche allein schafften keine Orientierung, weil sie das eigentliche Problem nicht berühren: Junge Menschen sollen sich festlegen, bevor sie wissen, wer sie beruflich sind.

Ein zweiter Punkt aus dem Beitrag ist für die Praxis mindestens so wichtig: Soziale Medien erzeugen über kuratierte Erfolgsgeschichten verzerrte Berufsbilder. Wer Berufe vor allem über Kurzvideos kennenlernt, sieht Ergebnisse, aber nicht den Arbeitsalltag dahinter. Medienkompetenz, so das Argument, gehört deshalb in die Berufsorientierung.

Was junge Menschen laut Nachtwei brauchen

Der Beitrag nennt sechs Punkte. Sinngemäß zusammengefasst:

  • Stärken und Interessen ernst nehmen, statt sich an vermeintlich sicheren Branchen zu orientieren.
  • Lernen lernen – kein Abschluss hält dauerhaft fit für die Arbeitswelt.
  • Technologie verstehen, ohne sie zu überhöhen: KI als Werkzeug, das vieles unterstützt und wenig vollständig ersetzt.
  • Menschliche Qualitäten stärken: Urteilskraft, soziale Kompetenz, Verantwortungsübernahme, Resilienz.
  • Echte Erfahrungen machen – Gespräche, Praktika, Vorbilder, Netzwerke in der analogen Welt.
  • Unsicherheit aushalten, ohne sie mit beginnendem Scheitern zu verwechseln.

Wo wir zustimmen – und wo wir ergänzen

Die Richtung deckt sich mit dem, was wir in der Beratung täglich sehen. Wer allein nach Sicherheit wählt, wählt an sich vorbei – und verliert das Argument in dem Moment, in dem sich die Prognose dreht. Wie schnell das gehen kann, zeigt der Blick auf zwei Zahlen aus diesem Jahr: Der Lehrkräftebedarf wird von der Demografie früher eingeholt als gedacht, und der IT-Fachkräftemangel hat sich binnen drei Jahren fast halbiert. Beide Berufsfelder galten als sichere Bank.

An einer Stelle greift der Beitrag aus unserer Sicht zu kurz: Wer sagt, Berufswahl sei ein Entwicklungsproblem, muss auch sagen, wie man Entwicklung misst. Genau das leistet die Eignungsdiagnostik. Interessen, Fähigkeiten und Motive sind messbar – nicht perfekt, aber deutlich verlässlicher als Selbsteinschätzung. Ein Interessentest nach dem RIASEC-Modell, ein Intelligenzstrukturtest und ein Persönlichkeitsverfahren liefern zusammen ein Bild, das ein Stärkenbogen nicht liefern kann. Der Unterschied liegt nicht am Thema, sondern an Gütekriterien: Objektivität, Zuverlässigkeit, Gültigkeit. Die Norm DIN 33430 beschreibt genau diese Anforderungen an berufsbezogene Eignungsbeurteilungen.

„Kompass statt Katalog“ heißt für uns deshalb nicht „weniger Diagnostik“, sondern: Diagnostik am Anfang, nicht am Ende. Erst wissen, wie jemand tickt – dann die Berufe dazu suchen. Die umgekehrte Reihenfolge erzeugt die Ratlosigkeit, die der Beitrag beschreibt.

Vier Fragen, die weiterführen

Wenn Sie als Elternteil oder Lehrkraft ein Gespräch führen, helfen diese vier Fragen mehr als jede Berufeliste:

  • Wann vergeht dir die Zeit schnell? Flow-Erleben ist ein besserer Interessenindikator als die Frage „Was willst du werden?“.
  • Was fällt dir leichter als anderen? Fähigkeiten zeigen sich im Vergleich, nicht in der Selbstbeschreibung.
  • Was soll die Arbeit dir geben – und was nicht? Sicherheit, Autonomie, Status und Sinn schließen sich teilweise aus. Wer das früh sortiert, entscheidet klarer.
  • Was weißt du über den Alltag in diesem Beruf? Nicht über das Berufsbild, sondern über einen Dienstag im November.

Wie wir das in der Beratung machen

Für einen ersten Eindruck sind unsere kostenlosen Tests der einfachste Einstieg: der Berufswahltest für Schülerinnen und Schüler, der Studienwahltest und der Persönlichkeitstest für Jugendliche. Eine Übersicht aller Verfahren finden Sie in unserem Testbereich, das Interessenmodell dahinter erklären wir unter RIASEC.

Wo es um eine echte Entscheidung geht, reicht ein Onlinetest nicht. In der Berufsberatung und der Studienberatung kombinieren wir mehrere normierte Verfahren mit einem ausführlichen Gespräch und einem schriftlichen Gutachten. Wie sich Berufsbilder durch KI verschieben, ordnen wir unter Neuorientierung im KI-Zeitalter ein.

Einordnung der Quelle

Es handelt sich um einen Meinungsbeitrag, nicht um eine Studie. Jens Nachtwei ist Gastprofessor für Ingenieurpsychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin und Professor für Wirtschaftspsychologie an der University of Applied Management; er ist Mitgründer eines Instituts für Personalauswahl und -entwicklung. Der Text stützt sich nicht auf externe Studien, sondern verweist auf ein eigenes kostenfreies eBook, dem eine Befragung von rund 155 Expertinnen und Experten zugrunde liegt. Das ist eine Expertenbefragung, keine repräsentative Erhebung – die Argumente sind deshalb als Position zu lesen, nicht als Befund.

Quellen

  • Jens Nachtwei: „Berufsorientierung: Kompass statt Katalog“, Gastbeitrag auf bildungsklick.de vom 10.09.2026 – bildungsklick.de
  • DIN 33430: Anforderungen an berufsbezogene Eignungsdiagnostik, Beuth Verlag

Hinweis zur Abbildung: Die Grafik in diesem Beitrag wurde KI-generiert.

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