Charakterstärken sind nach Christopher Peterson und Martin Seligman (2004) 24 positive, moralisch geschätzte Eigenschaften wie Neugier, Ausdauer, Fairness oder Humor, die sich sechs Tugenden zuordnen lassen. Jeder Mensch besitzt alle 24 in unterschiedlicher Ausprägung; die drei bis sieben am stärksten ausgeprägten heißen Signaturstärken. Wer sie kennt und im Beruf bewusst einsetzt, erlebt seine Arbeit nach Studien der Universität Zürich häufiger als sinnvoll und befriedigend.
Das Wichtigste in Kürze
| Kurzfassung | Charakterstärken nach Peterson und Seligman: alle 24 Stärken und 6 Tugenden als Tabelle, kostenlose Tests, Signaturstärken und Nutzen für Beruf und Bewerbung. |
|---|---|
| Themenbereich | Tests & Diagnostik, Karriere & Arbeitsmarkt |
| Veröffentlicht | 30. Oktober 2026 |
| Autor | Jan Bohlken, Diplom-Sozioökonom, Geschäftsführer des Profiling Instituts |
| Passende Leistung des Instituts | Potenzialanalyse ab 500 Euro, wissenschaftlich fundierte Diagnostik |
| Herausgeber | Profiling Institut, Eignungsdiagnostik nach wissenschaftlichen Standards, sieben Standorte in Deutschland |

Was sind Charakterstärken?
Der Begriff stammt aus der Positiven Psychologie. Anfang der 2000er-Jahre sichteten Peterson und Seligman mit einem Forschungsteam Philosophie, Religionen und Tugendkataloge aus vielen Kulturen und suchten nach Eigenschaften, die überall als gut und erstrebenswert gelten. Ergebnis war das Handbuch Character Strengths and Virtues (2004), oft als Gegenstück zu den Diagnosemanualen bezeichnet: Statt Störungen beschreibt es, was Menschen gut macht. Die Klassifikation ist als VIA-Modell bekannt (Values in Action), gepflegt vom gemeinnützigen VIA Institute on Character.
Eine Eigenschaft gilt dort nur dann als Charakterstärke, wenn sie unter anderem
- zu einem erfüllten Leben für sich und andere beiträgt,
- um ihrer selbst willen moralisch geschätzt wird und nicht nur wegen ihres Nutzens,
- andere nicht herabsetzt, wenn jemand sie zeigt,
- über Situationen hinweg relativ beständig ist und sich trotzdem entwickeln lässt,
- sich messen und von den übrigen Stärken unterscheiden lässt.
Der wichtigste Unterschied zum Alltagsbegriff „Stärke“: Gemeint ist nicht, was Sie besonders gut können, sondern was Sie als Mensch ausmacht und was Sie gern und mit Energie tun. Eine Steuerberaterin kann hervorragend rechnen; ob Genauigkeit ihr Kraft gibt oder Kraft kostet, ist eine andere Frage. Genau dort setzen Charakterstärken an.
Die 24 Charakterstärken als Liste: sechs Tugenden im Überblick
Die folgende Charakterstärken-Liste folgt der Einteilung von Peterson und Seligman. Die deutschen Bezeichnungen entsprechen der Fassung, die an der Universität Zürich verwendet wird; in anderen Übersetzungen finden Sie leicht abweichende Namen (etwa „Tatendrang“ statt „Enthusiasmus“). Die Berufsbeispiele sind von uns ergänzt und sollen zeigen, wie sich eine Stärke im Arbeitsalltag bemerkbar macht.
| Tugend | Charakterstärke | Kurz beschrieben | So zeigt sie sich im Beruf |
|---|---|---|---|
| Weisheit und Wissen | Kreativität | neue, brauchbare Wege finden | entwickelt eine Lösung, auf die das Team nicht gekommen wäre |
| Weisheit und Wissen | Neugier | Interesse an Neuem, Freude am Entdecken | arbeitet sich als Erste in ein neues Tool ein |
| Weisheit und Wissen | Urteilsvermögen | Dinge von allen Seiten prüfen, Meinung bei Belegen ändern | stellt vor einer Investition die richtigen Gegenfragen |
| Weisheit und Wissen | Liebe zum Lernen | Wissen systematisch vertiefen | bildet sich ohne Anstoß weiter, etwa per Zertifikatskurs |
| Weisheit und Wissen | Weisheit (Perspektive) | guten Rat geben, das große Ganze sehen | wird von Kollegen bei schwierigen Entscheidungen gefragt |
| Mut | Tapferkeit | für Überzeugungen einstehen, auch gegen Widerstand | spricht ein Qualitätsproblem im Meeting offen an |
| Mut | Ausdauer | dranbleiben trotz Hindernissen | bringt ein zähes Projekt über die Ziellinie |
| Mut | Authentizität (Ehrlichkeit) | echt sein, Verantwortung übernehmen | gibt einen eigenen Fehler gegenüber dem Kunden zu |
| Mut | Enthusiasmus (Tatendrang) | mit Energie und Begeisterung leben | steckt das Team bei einem Neustart an |
| Menschlichkeit | Bindungsfähigkeit (Liebe) | enge Beziehungen geben und annehmen | pflegt langjährige Kundenbeziehungen mit echtem Vertrauen |
| Menschlichkeit | Freundlichkeit | anderen helfen, ohne Gegenleistung zu erwarten | arbeitet neue Kolleginnen und Kollegen ungefragt ein |
| Menschlichkeit | Soziale Intelligenz | eigene und fremde Gefühle wahrnehmen und verstehen | spürt in der Verhandlung, wann der Moment für ein Angebot ist |
| Gerechtigkeit | Teamwork | loyal und verlässlich in der Gruppe arbeiten | übernimmt Aufgaben, die keiner will, damit das Team liefert |
| Gerechtigkeit | Fairness | alle nach denselben Regeln behandeln | verteilt Aufgaben und Lob nachvollziehbar |
| Gerechtigkeit | Führungsvermögen | eine Gruppe ordnen und zum Ziel bringen | organisiert eine Projektgruppe ohne formale Leitungsrolle |
| Mäßigung | Vergebungsbereitschaft | verzeihen, zweite Chancen geben | arbeitet nach einem Konflikt wieder unbefangen zusammen |
| Mäßigung | Bescheidenheit | Erfolge für sich sprechen lassen | stellt den Beitrag des Teams vor den eigenen |
| Mäßigung | Vorsicht | umsichtig handeln, Risiken abwägen | prüft Verträge, bevor unterschrieben wird |
| Mäßigung | Selbstregulation | Gefühle und Impulse steuern, diszipliniert sein | bleibt im Beschwerdegespräch ruhig und sachlich |
| Transzendenz | Sinn für das Schöne und Exzellenz | Schönheit und Können wahrnehmen und schätzen | erkennt gute Arbeit anderer und hat hohen Qualitätsanspruch |
| Transzendenz | Dankbarkeit | Gutes bemerken und Dank ausdrücken | bedankt sich konkret bei Zulieferern und Kollegen |
| Transzendenz | Hoffnung | optimistisch sein und auf Ziele hinarbeiten | hält das Team in einer Krise handlungsfähig |
| Transzendenz | Humor | Leichtigkeit, andere zum Lachen bringen | entschärft angespannte Situationen |
| Transzendenz | Spiritualität | Sinn und Zugehörigkeit zu etwas Größerem erleben | sucht Aufgaben, die über den eigenen Vorteil hinausweisen |
Wichtig für das Lesen der Tabelle: Niemand hat „keine“ Fairness oder „keinen“ Humor. Ein Charakterstärken-Test ordnet die 24 Stärken für eine Person in eine Rangreihe – unten stehende Stärken sind keine Schwächen, sondern schlicht weniger prägend.
Signaturstärken: die drei bis sieben, die Sie ausmachen
Peterson und Seligman nennen die Stärken an der Spitze des persönlichen Profils Signaturstärken. Typischerweise sind es drei bis sieben. Woran Sie eine Signaturstärke erkennen:
- Echtheit: Sie haben das Gefühl „Das bin wirklich ich“.
- Energie: Sie einzusetzen gibt Kraft, statt sie zu kosten.
- Drang: Sie suchen von selbst Gelegenheiten, sie zu zeigen.
- Schnelles Lernen: Alles, was mit ihr zu tun hat, eignen Sie sich leicht an.
- Wiedererkennung: Andere beschreiben Sie spontan mit genau dieser Eigenschaft.
Die Unterscheidung ist praktisch bedeutsam. Eine Stärke, die Sie zwar zeigen können, die Sie aber erschöpft, ist eine erlernte Fertigkeit, keine Signaturstärke. Wer seinen Arbeitsalltag überwiegend mit solchen „angelernten“ Stärken bestreitet, ist oft erfolgreich und trotzdem unzufrieden – ein Muster, das uns in der Beratung zur beruflichen Neuorientierung häufig begegnet.
Was die Forschung zu Charakterstärken zeigt
Charakterstärken gehören zu den gut untersuchten Themen der Positiven Psychologie, und ein großer Teil der deutschsprachigen Forschung stammt aus der Arbeitsgruppe von Willibald Ruch an der Universität Zürich. Die wichtigsten Befunde, bewusst vorsichtig zusammengefasst:
- Lebenszufriedenheit: In einer Studie mit über 12.000 Teilnehmenden aus den USA und 445 aus der Schweiz hingen vor allem Hoffnung, Enthusiasmus, Bindungsfähigkeit, Neugier und Dankbarkeit mit Lebenszufriedenheit zusammen (Peterson, Ruch, Beermann, Park und Seligman 2007). Die Korrelationen waren mittel bis hoch; über Ursache und Wirkung sagt eine solche Querschnittstudie nichts.
- Positives Erleben bei der Arbeit: Wer mehrere seiner Signaturstärken im Job einsetzen kann, berichtet häufiger von Arbeitszufriedenheit, Freude, Engagement und Sinnerleben (Harzer und Ruch 2013). Erste, noch nicht abschließend veröffentlichte Zürcher Auswertungen deuten darauf hin, dass der Zusammenhang besonders deutlich wird, wenn etwa vier oder mehr Signaturstärken bei der Arbeit zum Zug kommen.
- Berufung: Ob Menschen ihre Arbeit als Berufung („calling“) erleben, hängt nach Harzer und Ruch (2012) eng damit zusammen, ob sie ihre Signaturstärken dort anwenden können.
- Experimentelle Hinweise: In einem randomisierten Online-Experiment setzten 83 Berufstätige vier Wochen lang ihre vier stärksten Charakterstärken gezielt häufiger bei der Arbeit ein. Ihr Berufungserleben stieg und blieb über sechs Monate erhöht, die Lebenszufriedenheit zog verzögert nach; in der Vergleichsgruppe tat sich nichts (Harzer und Ruch 2016). Die Autoren sprechen selbst von vorläufigen Ergebnissen.
- Training: In einer Zürcher Studie mit 178 Erwachsenen steigerte ein zehnwöchiges Training von Neugier, Dankbarkeit, Hoffnung, Humor und Enthusiasmus die Lebenszufriedenheit stärker als keine Übungen (Proyer, Ruch und Buschor 2013).
- Stress und Leistung: Weitere Arbeiten fanden Zusammenhänge zwischen einzelnen Stärken und Arbeitsleistung, Bewältigung von Arbeitsstress und Arbeitszufriedenheit (Harzer und Ruch 2014, 2015).
Was daraus folgt – und was nicht: Die Forschung stützt die Idee, dass die Passung zwischen Ihren Stärken und Ihrer Tätigkeit zählt. Sie belegt nicht, dass eine bestimmte Stärke zu einem bestimmten Beruf „gehört“. Ein Charakterstärken-Test sagt Ihnen also nicht, was Sie werden sollen, sondern woran Sie prüfen können, ob eine Tätigkeit zu Ihnen passt.
Charakterstärken, Big Five, Soft Skills, Kompetenzen: die Abgrenzung
Im Alltag werden die Begriffe vermischt. Für die Selbstanalyse und die Bewerbung lohnt es sich, sie auseinanderzuhalten:
| Konzept | Was es beschreibt | Wertung | Typische Frage |
|---|---|---|---|
| Charakterstärken (VIA) | 24 positiv bewertete Eigenschaften | moralisch positiv, „das Gute im Menschen“ | Was gibt mir Energie und macht mich aus? |
| Persönlichkeit (Big Five) | fünf breite Dimensionen von Offenheit bis emotionaler Stabilität | neutral, beide Pole haben Vor- und Nachteile | Wie verhalte ich mich typischerweise? |
| Soft Skills | überfachliche Fähigkeiten wie Kommunikation oder Teamfähigkeit | funktional, am Arbeitsplatz gefordert | Was kann ich im Umgang mit anderen? |
| Kompetenzen | Wissen, Können und Wollen für eine konkrete Aufgabe | an Anforderungen gemessen | Bin ich der Aufgabe gewachsen? |
| Motive und Werte | was Sie antreibt und was Ihnen wichtig ist | individuell | Wofür möchte ich arbeiten? |
Das Big-Five-Modell ist das am besten belegte Persönlichkeitsmodell der Psychologie. Inhaltlich gibt es Überschneidungen – Neugier und Kreativität liegen nahe an Offenheit, Ausdauer und Selbstregulation nahe an Gewissenhaftigkeit. Charakterstärken sind aber enger gefasst und bewusst wertend: Ein niedriger Wert für Extraversion ist kein Mangel, eine ausgeprägte Fairness dagegen gilt ausdrücklich als gut. Deshalb eignen sich Charakterstärken gut für Gespräche über Sinn und Passung, ersetzen aber keinen Persönlichkeitstest. Wer beides vergleichen möchte, kann parallel den kostenlosen Big-Five-Persönlichkeitstest machen.
Soft Skills wiederum sind trainierbare Verhaltensweisen. Teamfähigkeit als Soft Skill und „Teamwork“ als Charakterstärke klingen gleich, sind aber nicht dasselbe: Das eine beschreibt, was Sie zeigen können, das andere, was Sie von innen heraus antreibt. Einen Überblick über die gefragten überfachlichen Fähigkeiten gibt unsere Soft-Skills-Liste, Antriebe und Werte prüfen Sie mit dem Motivationstest oder dem Ratgeber Werte im Job.
Charakterstärken herausfinden: Test, Fremdbild und Reflexion
Der VIA-Fragebogen als Charakterstärken-Test
Der Standard ist der VIA-Fragebogen. Das VIA Institute on Character bietet ihn als „VIA Survey“ kostenlos und auch auf Deutsch an; die Bearbeitung dauert laut Anbieter etwa 10 bis 15 Minuten, das Ergebnis ist eine Rangreihe Ihrer 24 Stärken. Zusätzliche ausführliche Berichte bietet das Institut kostenpflichtig an; die Rangreihe selbst ist kostenlos.
Die deutsche Forschungsfassung wurde an der Universität Zürich entwickelt und geprüft (Ruch u. a. 2010, 1.674 Erwachsene, gute Reliabilität und neun Monate stabile Ergebnisse). Über charakterstaerken.org stellt die Zürcher Gruppe ihre Fragebögen nach kurzer Registrierung kostenlos zur Verfügung. Kurze Charakterstärken-Tests anderer Anbieter mit 40 oder 50 Fragen sind schneller, aber meist ohne Angaben zu Normen und Gütekriterien – das Ergebnis ist dann eher Anregung als Messung.
Die Fremdeinschätzung dazunehmen
Für den VIA-Fragebogen gibt es eine Fremdbeurteilungsform; Selbst- und Fremdurteil stimmen nach den Zürcher Daten moderat überein. Das ist ein Argument, beides zu nutzen. Bitten Sie drei Menschen, die Sie aus verschiedenen Zusammenhängen kennen (Kollegin, Freund, Familienmitglied), Ihnen aus der Liste oben fünf Stärken zu nennen, die sie an Ihnen sehen – mit je einem Beispiel. Stärken, die in Ihrem Test oben stehen und in den Rückmeldungen auftauchen, sind sehr wahrscheinlich Signaturstärken.
Reflexionsfragen für die Selbstanalyse
Ergänzend helfen Fragen, die auf Erleben statt auf Selbstbild zielen. Nehmen Sie sich eine halbe Stunde und schreiben Sie die Antworten auf:
- Wann waren Sie in den letzten zwölf Monaten bei der Arbeit so vertieft, dass Sie die Zeit vergessen haben? Welche Stärke war im Spiel?
- Welche Aufgaben erledigen Sie gut, die Sie aber auslaugen? Welche Stärke müssen Sie dafür „ausleihen“?
- Wofür werden Sie seit Jahren immer wieder um Hilfe gebeten?
- Worüber ärgern Sie sich bei anderen besonders? Oft verbirgt sich dahinter eine eigene Stärke, etwa Fairness oder Sinn für Exzellenz.
- Welche drei Stärken aus der Tabelle würden Sie auf keinen Fall hergeben wollen?
- Wie viele Ihrer Top-Stärken kann Ihr aktueller Job tatsächlich gebrauchen – keine, zwei, vier oder mehr?
Die letzte Frage ist die entscheidende. Wenn Sie ehrlich bei „keine“ oder „eine“ landen, erklärt das oft besser als jede Gehaltsfrage, warum ein Job sich leer anfühlt. Mehr zur strukturierten Selbstreflexion finden Sie in unserem Glossar.
Charakterstärken in der Bewerbung: Stärken und Schwächen benennen
Die Frage nach Stärken und Schwächen kommt in fast jedem Vorstellungsgespräch. Charakterstärken helfen hier doppelt: Sie liefern eine glaubwürdige Sprache und zwingen zu Belegen. So gehen Sie vor:
- Zwei bis drei Signaturstärken auswählen, die zur Stelle passen. Für eine Projektleitung eher Ausdauer, Führungsvermögen und Urteilsvermögen als Sinn für das Schöne.
- In Verhalten übersetzen: Nicht „Ich bin ausdauernd“, sondern „Als der Lieferant ausfiel, habe ich innerhalb von drei Wochen zwei Alternativen qualifiziert“.
- Die Kehrseite kennen: Jede Stärke hat einen Übergebrauch. Vorsicht kann zu Zögern werden, Enthusiasmus zu Ungeduld. Das ist eine ehrliche und zugleich unverfängliche Antwort auf die Frage nach Schwächen.
- Nicht mit Fachbegriffen glänzen: Im Gespräch zählt das Beispiel, nicht das Wort „Signaturstärke“.
Fertige Formulierungen und Beispielantworten für unterschiedliche Karrierestufen finden Sie im Ratgeber Stärken und Schwächen im Vorstellungsgespräch.
Charakterstärken im Beruf, in der Führung und im Team
Im eigenen Job: Stärken einsetzen statt Schwächen polieren
Die Zürcher Interventionsstudie legt eine einfache Übung nahe: Wählen Sie Ihre vier stärksten Charakterstärken und überlegen Sie für jede, wie Sie sie in den nächsten vier Wochen jeden Arbeitstag ein wenig häufiger einsetzen können. Eine neugierige Person könnte pro Woche ein internes Gespräch mit einer anderen Abteilung führen, eine Person mit ausgeprägter Freundlichkeit die Einarbeitung neuer Kollegen übernehmen. Das kostet nichts und verändert oft mehr als ein Seminar zur Schwächenkorrektur. Spannend ist der Abgleich mit Ihren Karriereankern nach Edgar Schein: Die Anker sagen, welche Art von Laufbahn Sie anstreben, die Charakterstärken, womit Sie den Weg füllen.
In der Führung
Führungskräfte profitieren auf zwei Wegen. Erstens für sich selbst: Wer seine eigenen Signaturstärken kennt, führt glaubwürdiger, statt ein fremdes Führungsideal zu kopieren. Zweitens im Umgang mit dem Team: Erste Zürcher Arbeiten deuten darauf hin, dass der tägliche Einsatz von Signaturstärken bei Führungskräften mit dem Arbeitsengagement der Führungskraft und dem ihrer Mitarbeitenden zusammenhängt; veröffentlichte Belege dazu sind aber noch dünn. Welche Verhaltensweisen eine gute Führung ausmachen, beschreibt unser Beitrag zur Führungskompetenz.
Für Unternehmen: Teamentwicklung mit Charakterstärken
In Teams machen Charakterstärken sichtbar, warum jemand bei einer Aufgabe aufblüht und bei der nächsten stockt. Ein einfaches Format: Jedes Teammitglied bringt seine Top-5 mit, das Team legt sie auf einer gemeinsamen Übersicht nebeneinander und verteilt Aufgaben danach neu. Häufig zeigt sich dabei, dass etwa Vorsicht oder Urteilsvermögen im Team kaum vertreten sind – ein blinder Fleck, der Entscheidungen riskanter macht. Ergänzend lohnt der Blick auf die Teamfähigkeit als beobachtbares Verhalten.
Eine klare Grenze gilt aber: Ein Charakterstärken-Test ist ein Entwicklungsinstrument, kein Auswahlverfahren. Die VIA-Fragebögen sind positiv formuliert und leicht zu durchschauen; für die Auswahl von Bewerbern oder Mitarbeitern sind sie nicht gedacht. Wer Personalentscheidungen absichern will, braucht berufsbezogene, normierte Verfahren wie das Bochumer Inventar (BIP) und einen geklärten Rechtsrahmen. Was Unternehmen dabei beachten müssen, erklärt unsere Seite zu Persönlichkeitstests für Unternehmen; für Nachfolge und Talententwicklung gibt es die Potenzialanalyse für Mitarbeitende, für Leitungsrollen den Persönlichkeitstest für Führungskräfte.
Grenzen eines Charakterstärken-Tests
Selbsttests zu Charakterstärken sind nützlich, solange man weiß, was sie leisten. Die wichtigsten Einschränkungen:
- Nur Rangreihe, kein Vergleich: Die übliche Auswertung sortiert Ihre Stärken untereinander. Ob Ihre Ausdauer im Vergleich zu anderen Menschen hoch ist, sagt das Ranking allein nicht.
- Selbstbild statt Verhalten: Wer gerade unzufrieden ist, schätzt sich anders ein als im Urlaub. Eine Fremdeinschätzung gleicht das teilweise aus.
- Keine Berufsempfehlung: Aus „Neugier und Kreativität“ folgt kein Beruf. Es braucht den Abgleich mit Interessen, Fähigkeiten und Arbeitsmarkt.
- Keine Leistungsmessung: Über Ihre Denkfähigkeit oder Belastbarkeit sagt der Test nichts.
- Kulturelle Prägung: Die Klassifikation beansprucht, kulturübergreifend zu gelten; die Gewichtung einzelner Stärken wie Spiritualität oder Bescheidenheit unterscheidet sich aber zwischen Ländern und Milieus.
Eine ausführlichere Einordnung, was Selbsttests generell leisten können, finden Sie unter Kritik an Persönlichkeitstests.
Von den Charakterstärken zur beruflichen Entscheidung
Viele Menschen kommen mit einem Testergebnis zu uns und der Frage: „Und was mache ich jetzt damit?“ Genau hier endet der Selbsttest. Eine Liste mit Signaturstärken ist ein guter Anfang, aber sie beantwortet nicht, welche Tätigkeit, welche Branche und welcher nächste Schritt dazu passen.
In der Orientierungsberatung für Erwachsene verbinden wir das Bild Ihrer Stärken mit normierten, validierten Testverfahren zu Persönlichkeit und Interessen sowie mit Ihren Motiven und Karriereankern. In einem ausführlichen Beratungstermin von drei bis vier Stunden arbeiten wir Ihre Optionen heraus, Sie erhalten ein schriftliches Gutachten von rund 25 Seiten und ein Feedbackgespräch per Video – mit konkreten beruflichen Richtungen und dem Blick auf den Arbeitsmarkt, den wir aus der Personalberatung kennen. Das Profiling Institut berät seit 2007 an mehreren Standorten und online. Wenn Sie wissen möchten, wie viel von Ihren Stärken Ihr jetziger Job wirklich nutzt und welche Alternativen es gibt, schreiben Sie uns an kontakt@profiling-institut.de.
Häufige Fragen
Was sind die 24 Charakterstärken?
Kreativität, Neugier, Urteilsvermögen, Liebe zum Lernen, Weisheit, Tapferkeit, Ausdauer, Authentizität, Enthusiasmus, Bindungsfähigkeit, Freundlichkeit, soziale Intelligenz, Teamwork, Fairness, Führungsvermögen, Vergebungsbereitschaft, Bescheidenheit, Vorsicht, Selbstregulation, Sinn für das Schöne, Dankbarkeit, Hoffnung, Humor und Spiritualität. Peterson und Seligman ordnen sie sechs Tugenden zu.
Gibt es einen kostenlosen Charakterstärken-Test?
Ja. Der VIA Survey des VIA Institute on Character ist kostenlos und auf Deutsch verfügbar, ebenso die Fragebögen der Universität Zürich auf charakterstaerken.org nach Registrierung. Kostenpflichtig sind nur vertiefende Berichte.
Was sind Signaturstärken?
Signaturstärken sind die drei bis sieben Charakterstärken, die bei einer Person am stärksten ausgeprägt sind. Man erkennt sie daran, dass sie sich echt anfühlen, Energie geben und von anderen spontan wiedererkannt werden.
Ist ein Charakterstärken-Test ein Persönlichkeitstest?
Im weiteren Sinn ja, er misst aber etwas anderes als die Big Five. Charakterstärken sind positiv bewertete Eigenschaften, die Big Five neutrale Verhaltenstendenzen. Beide Tests ergänzen sich.
Kann man Charakterstärken trainieren?
Studien der Universität Zürich zeigen, dass gezielte Übungen zu einzelnen Stärken und der häufigere Einsatz der eigenen Signaturstärken das Wohlbefinden steigern können. Stärken gelten als relativ stabil, aber veränderbar.
Eignet sich ein Charakterstärken-Test für Mitarbeiter?
Für Teamentwicklung, Coaching und Mitarbeitergespräche ja, für die Personalauswahl nein. Für Auswahlentscheidungen sind berufsbezogene, normierte Verfahren und eine fachkundige Auswertung nötig.
Quellen: Peterson, C. & Seligman, M. E. P. (2004): Character Strengths and Virtues. A Handbook and Classification. Oxford University Press / American Psychological Association; VIA Institute on Character: The 24 Character Strengths; Ruch u. a. (2010), Journal of Individual Differences 31, 138–149; Peterson, Ruch, Beermann, Park & Seligman (2007), The Journal of Positive Psychology 2, 149–156; Harzer & Ruch (2012), The Journal of Positive Psychology 7, 362–371; Harzer & Ruch (2013), Journal of Happiness Studies 14, 965–983; Harzer & Ruch (2014), Human Performance 27, 183–205; Harzer & Ruch (2015), Frontiers in Psychology 6, 165; Harzer & Ruch (2016), Journal of Happiness Studies 17, 2237–2256; Proyer, Ruch & Buschor (2013), Journal of Happiness Studies; Harzer, C.: Vortragshandout zu Charakterstärken am Arbeitsplatz, Universität Zürich (27.11.2017). Stand: Oktober 2026.


