Wie attraktiv finden Sie sich, auf einer Skala von 0 bis 100? Die Antwort auf diese Frage sagt offenbar weniger über Ihr Aussehen aus als über Ihre Persönlichkeit, Ihren Bildungsweg und Ihren Optimismus. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Untersuchung der Psychologen Adrian Furnham (Norwegian Business School) und David S. Semmelink (University of Pretoria), die im September 2026 in der Fachzeitschrift Evolutionary Psychology erschienen ist.
Das Wichtigste in Kürze
| Kurzfassung | Wer sich attraktiver einschätzt, ist oft optimistischer und emotional stabiler. Was die Studie 2026 zeigt und was das für Ihr Selbstbild bedeutet. |
|---|---|
| Themenbereich | Intelligenz, Karriere, Persönlichkeit |
| Veröffentlicht | 20. Oktober 2026 |
| Autor | Jan Bohlken, Diplom-Sozioökonom, Geschäftsführer des Profiling Instituts |
| Passende Leistung des Instituts | Potenzialanalyse ab 500 Euro, wissenschaftlich fundierte Diagnostik |
| Herausgeber | Profiling Institut, Eignungsdiagnostik nach wissenschaftlichen Standards, sieben Standorte in Deutschland |
Für die Studien- und Berufsberatung ist das mehr als eine Kuriosität. Die Untersuchung zeigt an einem leicht greifbaren Beispiel, wie stark Selbsteinschätzungen von Persönlichkeitsmerkmalen geprägt sind. Genau das gilt auch für die Einschätzung der eigenen Intelligenz, der eigenen Stärken und der eigenen Eignung für einen Beruf. Wir fassen die Ergebnisse zusammen und ordnen sie ein.
Die Studie im Überblick
Die Autoren haben zwei voneinander unabhängige Stichproben untersucht. Insgesamt nahmen 1.091 Erwachsene im erwerbsfähigen Alter teil, überwiegend aus Großbritannien, Südafrika, den USA, Kanada und Australien. Rekrutiert wurden sie aus einem Pool von Personen, die zuvor für berufliche Zwecke ein psychometrisches Verfahren des Testverlags Thomas International absolviert hatten.
- Studie 1 umfasste 799 Teilnehmende im Alter von 21 bis 73 Jahren. Neben der Selbsteinschätzung bearbeiteten sie einen berufsbezogenen Persönlichkeitsfragebogen mit sechs Merkmalen sowie ein Verfahren zum Verhaltensstil nach dem DISG-Modell.
- Studie 2 umfasste 292 Teilnehmende im Alter von 17 bis 72 Jahren. Hier kam statt des Verhaltensstils ein Test der allgemeinen kognitiven Leistungsfähigkeit hinzu.
Die Attraktivität wurde mit einer einzigen Frage erfasst: Alle bewerteten ihr eigenes Aussehen auf einer Skala von 0 bis 100. Zusätzlich gaben sie Alter, Geschlecht und Bildungsabschluss an und schätzten ein, wie religiös, wie politisch liberal oder konservativ und wie optimistisch sie sind. Im Mittel lagen die Selbsteinschätzungen bei knapp 58 Punkten in Studie 1 und gut 61 Punkten in Studie 2.
Der Persönlichkeitsfragebogen, der High Potential Trait Indicator, misst sechs Merkmale, die im Arbeitsleben eine Rolle spielen: Gewissenhaftigkeit, emotionale Stabilität (in der Studie „Adjustment“ genannt), Neugier, Risikobereitschaft, Toleranz gegenüber Mehrdeutigkeit und Wettbewerbsorientierung. Vier davon entsprechen weitgehend den bekannten Big-Five-Dimensionen, die wir auch in unserem Beitrag zum NEO-PI-R erklären.
Wer sich attraktiver einschätzt
In beiden Studien fanden die Autoren dieselben Zusammenhänge. Höhere Werte gaben sich:
- Männer im Vergleich zu Frauen
- Menschen mit Studienabschluss im Vergleich zu Menschen ohne Hochschulabschluss
- optimistische Menschen
- emotional stabile Menschen, also Personen mit niedriger Ausprägung von Neurotizismus
Unter diesen vier Befunden waren die Zusammenhänge mit Optimismus und emotionaler Stabilität am deutlichsten. Die Autoren verweisen darauf, dass Menschen mit geringer emotionaler Stabilität sich in vielen Bereichen eher unterschätzen, nicht nur beim Aussehen. Auch der Geschlechterunterschied ist aus der Forschung zu Selbsteinschätzungen bekannt: Männer bewerten sich im Durchschnitt selbstbewusster, etwa auch bei der eigenen Intelligenz.
Einige Befunde zeigten sich nur in der größeren ersten Studie. Dort schätzten sich religiösere Menschen, politisch liberaler eingestellte Menschen und wettbewerbsorientierte Menschen attraktiver ein. Wer Mehrdeutigkeit gut aushält, gab sich dagegen etwas niedrigere Werte. In Studie 2 ließen sich diese Zusammenhänge nicht bestätigen. Das Alter spielte im Gesamtmodell beider Studien keine bedeutsame Rolle, und der Verhaltensstil nach dem DISG-Modell trug in Studie 1 praktisch nichts zur Erklärung bei. Was dieses Modell misst und was nicht, lesen Sie auf unserer Seite zum DISG-Test.
Der überraschende Befund: Intelligenz
Der interessanteste Befund betrifft die zweite Studie. Wer im Intelligenztest besser abschnitt, schätzte die eigene Attraktivität etwas niedriger ein. Der Zusammenhang war klein, aber statistisch bedeutsam. Gleichzeitig gaben sich Menschen mit Studienabschluss höhere Werte.
Auf den ersten Blick wirkt das widersprüchlich, denn Bildung und Intelligenz hängen positiv zusammen. Die Autoren bieten eine Erklärung an: Menschen mit höherer kognitiver Leistungsfähigkeit könnten ihr Aussehen schlicht realistischer und ehrlicher bewerten. Ein Abschluss ist dagegen ein sichtbares, sozial anerkanntes Statussignal, das das Selbstbewusstsein stärken kann, unabhängig davon, wie hoch die tatsächliche Leistungsfähigkeit ist. Diese Deutung ist allerdings eine Vermutung der Autoren und wurde in der Studie nicht direkt geprüft.
Wie gut die eigene Intelligenz eingeschätzt wird, hat die Forschung vielfach untersucht. Das Ergebnis ist ernüchternd: Viele Menschen liegen deutlich daneben, Frauen unterschätzen sich häufiger als Männer. Mehr dazu, wie sich Selbstbild und tatsächliche Leistung unterscheiden, erfahren Sie im Glossar zum Dunning-Kruger-Effekt.
Ein Nebenbefund: kulturelle Unterschiede
In einer ergänzenden, ausdrücklich explorativen Auswertung verglichen die Autoren die Herkunftsländer. Britische Teilnehmende schätzten sich im Mittel weniger attraktiv ein als Teilnehmende aus den USA, Kanada, Australien und Südafrika. Eine mögliche Erklärung sehen die Autoren in kulturellen Normen der Selbstdarstellung, etwa einer stärkeren Neigung zu Bescheidenheit und Understatement. Weil die Ländergruppen sehr unterschiedlich groß waren, bleibt das jedoch eine offene Frage für künftige Forschung.
Wie belastbar sind die Ergebnisse?
So anschaulich die Befunde sind, sie haben klare Grenzen, auf die die Autoren selbst hinweisen:
- Kleine Effekte: Alle untersuchten Merkmale zusammen erklären nur etwa 15 Prozent (Studie 1) bzw. 23 Prozent (Studie 2) der Unterschiede in der Selbsteinschätzung. Der größere Teil bleibt unerklärt.
- Zusammenhänge, keine Ursachen: Die Studie zeigt, was gemeinsam auftritt. Ob Optimismus zu einer positiveren Selbstwahrnehmung führt oder umgekehrt, lässt sich daraus nicht ablesen. Die Autoren vermuten eine Wechselwirkung.
- Eine einzige Frage: Attraktivität wurde nur mit einer Frage erfasst. Es gab keine Fremdurteile, Fotos oder andere Vergleichsmaßstäbe. Wie gut die Selbsteinschätzung mit dem Urteil anderer übereinstimmt, wurde nicht geprüft.
- Stichprobe: Die Teilnehmenden stammten aus dem Pool eines Testverlags und überwiegend aus englischsprachigen Ländern. Die Studie war nicht vorab registriert. Ob sich die Ergebnisse auf Deutschland übertragen lassen, ist offen.
Die Studie ist deshalb kein Beleg dafür, dass bestimmte Menschen tatsächlich attraktiver sind. Sie zeigt, welche Merkmale damit einhergehen, dass Menschen sich selbst positiver sehen.
Was das für Ihre berufliche Selbsteinschätzung bedeutet
Für die Beratungspraxis ist ein Punkt besonders relevant: Selbsteinschätzungen spiegeln oft eher Persönlichkeit und Selbstvertrauen wider als tatsächliche Merkmale. Das gilt nicht nur für das Aussehen. Die Autoren verweisen auf eine ganze Forschungslinie, nach der auch Selbsteinschätzungen der eigenen Intelligenz, Kreativität oder Persönlichkeit stark von emotionaler Stabilität und Selbstwert beeinflusst sind, teilweise stärker als von den tatsächlichen Fähigkeiten.
Das hat praktische Folgen, wenn es um berufliche Entscheidungen geht:
- Wer emotional weniger stabil ist oder zu Bescheidenheit neigt, unterschätzt womöglich die eigenen Stärken und bewirbt sich seltener auf anspruchsvolle Stellen oder Studiengänge.
- Wer sehr selbstbewusst auftritt, überschätzt sich womöglich und wählt Wege, die nicht zum eigenen Profil passen.
- In Bewerbungen und im Vorstellungsgespräch wirkt Selbstvertrauen. Ob es durch tatsächliche Fähigkeiten gedeckt ist, zeigt sich oft erst später.
Ein objektiver Blick von außen hilft deshalb gerade dann, wenn viel auf dem Spiel steht, etwa bei der Studienwahl, einer beruflichen Neuorientierung oder dem nächsten Karriereschritt. Normierte, wissenschaftlich fundierte Testverfahren vergleichen Ihre Ergebnisse mit einer repräsentativen Vergleichsgruppe. Sie zeigen, wo Sie tatsächlich stehen, und nicht nur, wie Sie sich selbst sehen.
Fazit
Wie attraktiv sich Menschen selbst einschätzen, hängt mit Geschlecht, Bildung, Optimismus und emotionaler Stabilität zusammen. Wer im Intelligenztest besser abschneidet, bewertet sich etwas zurückhaltender. Die Effekte sind klein, die Botschaft dahinter ist dennoch klar: Das Selbstbild ist ein Spiegel der Persönlichkeit, kein Messinstrument.
Wenn Sie wissen möchten, wo Ihre Stärken wirklich liegen, sind unsere kostenlosen Tests ein guter erster Schritt, etwa der kostenlose Persönlichkeitstest oder der kostenlose IQ-Test. Belastbare Ergebnisse liefern normierte Verfahren, wie wir sie im Intelligenztest für Erwachsene und in der Potenzialanalyse einsetzen. Der Einstieg ist ein kostenfreies Vorgespräch.
Quellen
- Furnham, A. & Semmelink, D. S. (2026). Self-Estimated Attractiveness: Demographic and Personality Correlates. Evolutionary Psychology, 24(3), online veröffentlicht am 23. September 2026. https://doi.org/10.1177/14747049261468597 (Open Access, CC BY-NC 4.0)
Hinweis zu den Abbildungen: Das Beitragsbild und die beiden Grafiken wurden KI-generiert. Die dargestellten Angaben stammen aus der genannten Studie.



